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Bundesnachrichtendienst : Die Supertransparenzwelt des BND

Die Dienste kennen sich inzwischen aus mit dem Vorwurf, sie täten etwas Geheimes. Die „Präsidenten“, die in Wahrheit untergeordnete Beamte sind und dem Innenministerium und dem Kanzleramt gehorchen, stehen meist ohne politische Unterstützung da. Zu ihrem Schutz haben sie deshalb in den vergangenen Jahren eine Fiktion entworfen. Die heißt „Transparenz“. Mit dieser Tarnidentität versuchen sie, handlungsfähig zu bleiben.

Wohnlich zwischen Krisenherden

Beim Verfassungsschutz beispielsweise hat der neue Präsident Hans-Georg Maaßen seine Arbeit gleich mit einer „Tranparenzoffensive“ begonnen. Auch der BND lädt neuerdings Fotografen an die Abhörstation nach Bad Aibling oder in seine dunkle Waldsiedlung bei Pullach ein. Wo früher „Fernmeldeweitverkehrsstelle“ stand, wird heute der BND genannt. Das kommt gut an und lenkt davon ab, was der Dienst eigentlich tut: unserer Regierung die (geheimen) Informationen zu beschaffen, die wir nach den Beschlüssen unserer Parlamente für nötig halten, um das Land vor inneren und äußeren Angriffen zu schützen und unsere wirtschaftlichen und politischen Interessen zu vertreten. Schon das Wort „Interessen“ klingt manchen zu aggressiv, so nach Kaiserreich. Also lieber: Transparenz.

Der BND hat die neue Transparenz-Identität schon beinahe perfektioniert und informiert Presse oder Abgeordnete in halbwegs interessanten Seminaren zu den entlegensten Weltgegenden. Journalisten werden neuerdings persönlich vom BND-Präsidenten Schindler zum Essen in eine ehemalige Kaserne eingeladen. Man speist in einem wohnlich angepinselten Büroraum, wo früher nur Kopierer und nackte Resopal-Tische standen.

Schindler erzählt von Zielen und Krisenherden. Allerdings verschweigt er in seiner Supertransparenz-Welt wahrscheinlich 90 Prozent der tatsächlichen Aktivitäten. Er berichtet auch nie, mit welchen Tricks das Herrschaftswissen für die Kanzlerin erworben wird. Der BND hat eine transparente Parallelwelt errichtet und tut nun so, als erführe er seine Neuigkeiten allesamt aus Auslandsausgaben der Zeitschrift „Landlust“.

Kein Schlachthof ohne Blut

Beim Verfassungsschutz probiert man das ebenfalls, wenngleich etwas schmalspuriger. Auch dort ist beim lockeren Hintergrund-Bierchen nie die Rede von den guten Beziehungen zum russischen Geheimdienst, wenn es um Tschetschenien geht. Auch nicht von den manchmal fiesen Anwerbemethoden für Informanten. Die gehören zum Geheimdienstwesen wie das Blut zum Schlachthof, auch wenn die vegane Schnitzel-Gesellschaft das nicht wissen will.

Deshalb wurden tote Soldaten in Afghanistan nicht Gefallene genannt, werden abgelehnte Asylbewerber höchstens in aller Stille abgeschoben. Weil wir den Kontakt zur Realität behalten wollen, sollten wir die Politiker ermutigen, uns die Wahrheit zu sagen, auch wenn es ihnen schwerfällt: Wir brauchen die Nachrichtendienste. Manchmal ist es nicht schön, was sie tun. Im Grunde kennen wir auch dieses Geheimnis längst.

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