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Antony Blinken in Berlin : Mehr als nur Nachkriegsbrüderlichkeit

Holocaust-Mahnmal: der amerikanische Außenminister Antony Blinken und der deutsche Außenminister Heiko Maas am Donnerstag in Berlin Bild: EPA

Der amerikanische Außenminister Antony Blinken erinnert in Berlin an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion – und an das Schicksal seines Stiefvaters in einem Ghetto und in Konzentrationslagern.

          4 Min.

          Erst Kranzniederlegung am Holocaust-Mahnmal, später Gesprächsrunde mit deutschen und amerikanischen Jugendlichen – was sich wie eine routinierte transatlantische Terminplanung liest, füllt sich während des Antrittsbesuchs des neuen amerikanischen Außenministers Antony Blinken in Berlin mit viel Gefühl, mit Sorge statt mit Selbstverständlichkeit, mit Nachdenklichkeit statt mit Selbstgewissheit.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Für Blinken ist Berlin die erste Station einer ausgedehnteren Europareise. Unter den europäischen Regierungen hat kaum eine den Amtswechsel in Amerika und das Ende der Herrschaft Donald Trumps so herbeigesehnt wie die Bundesregierung, ihr Außenminister Heiko Maas allen voran. Denn fast alle Grundsätze, an denen sich die deutsche Außenpolitik orientiert, schienen in den Jahren zuvor auf dem Spiel zu stehen: das Gebot, multilateral zu handeln, also nie allein, wie das Gebot, auf Ausgleich zu wirken, statt auf „Germany first“ aus zu sein. In den sechs Monaten, die seit der Amtsübernahme des neuen Präsidenten Joe Biden und seiner Regierung verstrichen sind, ist Maas seinem neuen Kollegen Blinken mutmaßlich öfters begegnet als dessen Vorgänger Mike Pompeo in den drei Jahren zuvor. Braucht es da überhaupt noch den protokollarischen Aufwand, den eine formelle Antrittsvisite mit sich bringt?

          Es war wohl der deutschen wie der amerikanischen Seite wichtig, die Gelegenheit zu nutzen, um zu demonstrieren, dass die neue transatlantische Verbundenheit nicht einfach eine Fortschreibung der alten Nachkriegsbrüderlichkeit sein kann, sondern dass sie weniger Vertrautheit voraussetzen kann und mehr gegenseitiges Vertrauen bilden muss. Die Gedenkstunde am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas bekam auf diese Weise die Funktion eines Bewusstseinsbades: alle Teilnehmer waren von dem Moment ergriffen, allen wurde spürbar, was auf dem Spiel steht.

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          Antony Blinken erinnerte an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion vor fast genau 80 Jahren, an die Eroberung der Stadt Bialystok, in der eine Woche später Polizeikräfte der Nationalsozialisten Hunderte Juden in die Synagoge trieben, die sie anschließend niederbrannten. Erst nach ein paar Minuten wurde klar, dass der amerikanische Außenminister mit diesen Verbrechen auch das Schicksal seiner Familie schilderte: Sein Stiefvater erlebte das Morden als zwölfjähriger Junge, kam ins Ghetto von Bialystok und erduldete später, wie Blinken weiter erzählte, die Konzentrationslager Treblinka, Majdanek, Auschwitz, Dachau. Er überlebte als einziger seiner Familie.

          Schmerzen der Erinnerung und Verantwortung

          Auch die 99 Jahre alte Margot Friedländer erzählte zwischen den Beton-Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmals ihre Geschichte. Wie sie als Kind der Deportation entging, im Untergrund lebte, entdeckt und nach Theresienstadt deportiert wurde, dort ihren Mann kennenlernte und ihn dort kurz nach der Befreiung des Lagers heiratete, mit ihm nach Amerika zog und spät, vor mehr als zehn Jahren, nach Berlin zurückkehrte, um vor Schülern, in Buchhandlungen, in Vorträgen, aus ihrer Autobiographie vorzulesen.

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