https://www.faz.net/-gpf-va81

BKA-Chef Jörg Ziercke : Aufklärer im eigenen Haus

Ziercke will die dunkle Geschichte seiner Behörde durchleuchten Bild: ddp

Das BKA stand in seinen ersten Jahren auf braunen Füßen: Männer mit Verstrickung in NS-Verbrechen hatten lange Zeit die Führung inne. Jörg Ziercke gilt als zielstrebiger Chefermittler - jetzt wagt er es, die dunkle Vergangenheit seiner Behörde aufzuarbeiten.

          2 Min.

          Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) steht derzeit im Lichte vieler Kameras und erläutert Erfolge der Sicherheitsbehörden im Kampf gegen den Terrorismus. Dabei hat Jörg Ziercke den Ruf eines zielstrebigen und entscheidungsfreudigen Chefermittlers gewonnen. Überschwengliche Verehrer sagen, seit dem legendären BKA-Präsidenten Horst Herold aus den siebziger Jahren, habe es keinen besseren mehr gegeben.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Das ist viel Ehre, und Ziercke wird sie gerne teilen mit Polizeibeamten aus Bund und Ländern, die beispielsweise gegen die Sauerland-Zelle einen großen Zwischenerfolg errungen haben. Doch Ziercke hat sich auch vorgenommen, in den dunklen Keller des eigenen Amtes hinein zu leuchten.

          56 Jahre lag die Aufklärung brach

          Dort stehen die Fundamente des Bundeskriminalamtes seit fast sechzig Jahren in braunem Schlamm: SS-Sturmbannführer, Kriminalbiologen aus dem Reichssicherheitshauptamt, Kommandeure von Genozid-Kommandos, Polizisten mit Spitznamen wie „Der Henker von Mailand“ oder „Pistolen Ede“ vom Einsatzkommando 5/II gehörten zum Gründungs- und langjährigen Führungspersonal des Bundeskriminalamts.

          Gedeckt und gefördert von Generationen von BKA-Präsidenten und Innenministern lag über mindestens zwei Jahrzehnte die Führung und die fachpolizeiliche Arbeit bei Männern, die selbst in Verbrechen verstrickt waren. Nie in sechsundfünfzig Jahren BKA wurde dieses Thema behandelt. Angeblich habe Horst Herold begonnen, sich ein Bild über Vorgänger und Vorgänge zu machen, doch die bleiernen Zeiten des RAF-Terrorismus hätten ihn schließlich davon abgebracht. Nun also Ziercke.

          Die „zweite Schuld“ abtragen

          Der Präsident hat selbst das Polizistenhandwerk von Grund auf gelernt, sich vom Kripo-Beamten im Mittleren Dienst emporgearbeitet bis an die Spitze der großen, künftig noch wesentlich eingriffsmächtigeren Bundeskriminalpolizei. Wer ihm und auch den Referenten bei der Tagung des Amtes zur eigenen Geschichte aufmerksam zugehört hatte, konnte in seinen Worten die Bedenken, Widersprüche und Ansehensbesorgnisse des Amtes und auch seiner Pensionäre wiedererkennen. Die hat der gebürtige Lübecker Ziercke gehört, sie haben ihn aber nicht von seinem Vorhaben abgebracht.

          Mit dem BKA stellt sich zum ersten Mal eine deutsche Sicherheitsbehörde ihrer NS-Vergangenheit. Die drängenden Fragen an Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst oder an das Innenministerium werden nicht mehr verstummen. Denn dort wird, ähnlich wie im Auswärtigen Amt, aus Feigheit, Mitwissertum und Korpsgeist ebenfalls bis heute darüber geschwiegen, woher die Männer der ersten Jahre und Jahrzehnte kamen, wie sie den Aufbau der Demokratie prägten und wie es kam, dass, wie Ziercke das mit dem Wort des Publizisten Giordano nannte, eine „zweite Schuld“ entstand, nicht abgetragen ist.

          Ziercke, der im Juli sechzig Jahre alt geworden ist, führt sein Amt seit 2004. Seine fachliche Fähigkeit und sein gutes Verhältnis zu seinem Dienstherrn, Innenminister Schäuble, schützen ihn hoffentlich vor Anfeindungen, die sein Mut zur Verantwortung ihm eintragen wird. (Siehe auch: BKA deckt seine düstere Vergangenheit auf sowie NS-Vergangenheit des BKA: Nach dem Vorbild des Reichskriminalamtes)

          Weitere Themen

          Italiens Regierungschef Conte zurückgetreten Video-Seite öffnen

          Zersplitterte Koalition : Italiens Regierungschef Conte zurückgetreten

          Italiens Regierungschef Giuseppe Conte ist zurückgetreten. Staatschef Sergio Mattarella nahm das Rücktrittsgesuch an. Der parteilose Conte will eine neue Regierung bilden, nachdem seine Mitte-Links-Koalition kürzlich auseinanderfiel.

          Topmeldungen

          Hans-Georg Maaßen im Oktober 2020 in Berlin

          AfD-Klage : Maaßen will Schaden von Verfahren abwenden

          Nach mehr als einem Jahr fällt der Kanzlei Höcker ein möglicher Interessenkonflikt ihres Beraters Hans-Georg Maaßen auf. Es geht um die Vertretung der AfD. Der frühere Verfassungsschutzpräsident zieht sich zurück.

          Premier League : „Visionär“ Tuchel wird neuer Chelsea-Coach

          Nun kommt also Thomas Tuchel. Nach der Trennung vom glücklosen Fanliebling Frank Lampard will der FC Chelsea mit dem früheren Coach des BVB und von PSG schnell wieder erfolgreich sein. Die Erwartungen an den Taktiktüftler aus Deutschland sind hoch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.