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BKA-Chef Ziercke : Antastbar in der Affäre um Kinderpornographie

Ziercke kam im Haus sofort gut an, war schnell beliebt. Kein trockener Verwaltungsjurist, sondern seit Horst Herold der erste Polizist im Spitzenamt. Einer von uns, so empfanden es die Leute. Als Kripobeamter hatte Ziercke in Fällen von Mord und Bankraub ermittelt, als Kommissar hatte er neben dem Beruf Kriminalsoziologie an der Universität Kiel studiert, sich im Kieler Innenministerium um Aus- und Fortbildung, Personal und Haushalt gekümmert. Im BKA beruhigte er nicht nur die Mitarbeiter, er verkaufte die Behörde auch gut nach außen. Vor den Medien schottete er sich nicht ab, sondern trat selbstbewusst auf.

Ein Mann mit Heldenstatus

Und er erkannte rasch, dass in Zeiten, in denen sich die Kriminalität international vernetzte und im Internet ausbreitete, sich die Polizei ändern muss. Die massenhafte Ausbreitung der Kinderpornographie, die früher nur unterm Ladentisch zu kriegen war, nennt er als drastisches Beispiel dafür. Heute hat das BKA Verbindungsbeamte in 50 Ländern. Ziercke erstritt neue Zuständigkeiten für die Bekämpfung des Terrorismus. Es wurde sein Topthema.

Die Erfolge gaben ihm recht. Dem BKA gelang es 2006, die „Kofferbomber“ zu finden, zwei junge Männer aus dem Libanon, die in Köln zwei Reisekoffer mit Sprengsätzen in Personenzügen abgestellt hatten, die zum Glück nicht zündeten. Ein Jahr später konnten BKA-Beamte die Mitglieder der „Sauerland“-Gruppe verhaften, bevor die ihre Anschlagspläne verwirklichen konnten. Ziercke erwarb sich einen Ruf, der ihn scheinbar unantastbar machte.

Auch mit der Politik legte sich der BKA-Chef an. Als de Maizière Ende 2010 das BKA mit der Bundespolizei fusionieren wollte, trat Ziercke ihm offen entgegen. Die 40.000 Bundespolizisten wollte er mit seinen 5000 BKA-Beamten nicht vereint sehen. In seinem eigenen Haus wuchs Zierckes Heldenstatus dadurch noch. De Maizière, der mit seinen Plänen ohne die nötigen Debatten vorgeprescht war, wollte sich von dem unbotmäßigen Mann trennen. Doch der damalige Staatssekretär Hans-Dieter Fritsche überzeugte ihn, keinen Märtyrer aus Ziercke zu machen. Man sprach sich aus.

NSU: Tiefschlag für Ziercke

Ein Jahr später, im November 2011, wurde bekannt, dass das Mordkommando NSU viele Jahre lang unerkannt geblieben war. Der Fall war ein Tiefschlag für Ziercke. Dass die rechtsextremistischen Täter türkische Migranten exekutierten, ohne dass die Behörden ihnen auf die Spur kamen, erschütterte ihn. Zwar konnte er darauf verweisen, dass die Länderpolizeien, nicht das Bundeskriminalamt, federführend in den Ermittlungen gewesen waren. Der Föderalismus hatte versagt. Aber das BKA war in die Ermittlungen sehr früh einbezogen gewesen. Dass auch sein Haus in der Kritik stand, war für Ziercke eine neue, bittere Erfahrung. Dass die Strafverfolgungsbehörden – im Vergleich zum Verfassungsschutz – in den Medien und im NSU-Ausschuss vergleichsweise gut wegkamen, hat ihn kaum getröstet.

Eigentlich hätte er Ende 2012 in Ruhestand gehen sollen. Doch Innenminister Friedrich wollte über die schwierige Neubesetzung nicht entscheiden, verlängerte Zierckes Amtszeit zwei Mal. Im Juli wird Ziercke 67. Im Herbst soll er auf der Jahrestagung des BKA verabschiedet werden. Seinen Ruhestand will er nicht nur mit der Lektüre schwedischer oder dänischer Krimis verbringen. Er will sich im Weißen Ring um die Opfer von Verbrechen kümmern. Es kann sein, dass er früher dazu kommt, als er es geplant hat.

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