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BKA zu Datendiebstahl : Beschuldigter ärgerte sich über „bestimmte politische Äußerungen“

  • -Aktualisiert am

Das Bundeskriminalamt gibt eine Pressekonferenz zur Festnahme des mutmaßlichen Angeifers auf persönliche Computerdaten Bild: Wolfgang Eilmes

Aus der elterlichen Wohnung heraus soll ein Zwanzigjähriger aus Hessen Personen des öffentlichen Lebens im Internet ausgespäht haben. Dem Mann wird Ausspähung von Daten und „Datenhehlerei“ vorgeworfen. Warum die AfD nicht betroffen ist, bleibt weiter unklar.

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          Wie ist es um die IT-Sicherheit in der Bundesrepublik bestellt, wenn ein Jugendlicher ohne IT-Ausbildung aus der elterlichen Wohnung Politiker und Prominente ausspähen und ihre Daten in aufsehenerregenden „Leaks“ veröffentlichen kann? Das sei „in der Tat Anlass zur Sorge“, sagte die Leiterin der Abteilung für Schwere und Organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt (BKA), Sabine Vogt, am Dienstag in Wiesbaden, als das BKA und die zuständige Staatsanwaltschaft Frankfurt ihre Ermittlungsergebnisse vorstellten.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          „Jeder Einzelne“ sei gefordert, seine eigenen Maßnahmen für mehr Sicherheit im Internet zu treffen, so Vogt. Der Missbrauch und das Sammeln von Daten im Internet („Doxing“) sei „nichts Ungewöhnliches“; allen Bürgern müsse bewusst sein, dass es auch „eine schwarze, eine dunkle Seite des Internets“ gebe. Es gelte, damit „professionell umzugehen“ – sowohl von Seiten des Staates als auch von Seiten der Betroffenen. „Das ist wie beim Autofahren: Sicherheitsgurt anlegen, das hilft.“

          Keine Fluchtgefahr

          Aus der elterlichen Wohnung heraus und weil er sich über Äußerungen der Betroffenen geärgert hat, soll ein Zwanzigjähriger aus Hessen Personen des öffentlichen Lebens im Internet ausgespäht, ihre öffentlich zur Verfügung stehenden Daten gesammelt und dann veröffentlicht haben. Bis zu 1000 Personen sind betroffen. Das gaben das BKA sowie die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main am Dienstag in Wiesbaden bekannt.

          Von den Veröffentlichungen sind Politiker aller Bundestagsparteien mit Ausnahme der AfD betroffen. Es gebe bisher noch „kein abschließendes Bild“ einer möglichen Motivation, sagte Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk von der ZIT. Der Beschuldigte habe angegeben, sich über „bestimmte politische Äußerungen der Geschädigten geärgert“ zu haben.

          Die ZIT und das Bundeskriminalamt hatten am Sonntagabend die Wohnung des Tatverdächtigen in Mittelhessen durchsucht und diesen vorläufig festgenommen. Dieser gestand die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nach Angaben Ungefuks „umfassend“ ein und leistete über die eigenen möglichen Taten hinaus umfassend „Aufklärungshilfe“, etwa was „Szenekenntnisse“ angehe. Er befinde sich auf freiem Fuß, es bestehe keine Fluchtgefahr, so Ungefuk.

          Der junge Mann gab demnach an, alleine gehandelt zu haben. Es gebe keine Hinweise auf eine Beteiligung durch Dritte, das sei jedoch noch Gegenstand der Ermittlungen, so Ungefuk. Bei der Wohnungsdurchsuchung wurden Computer und Datenträger sichergestellt. Diese werden derzeit ausgewertet. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe hatte der junge Mann offenbar versucht, Beweismittel beiseite zu schaffen. Doch stellte er die Geräte den Ermittlungsbehörden wieder zur Verfügung. Aufgrund der Angaben des Beschuldigten konnte ein Computer und ein Daten-Backup bei einem Sharehosting-Dienst aufgefunden und sichergestellt werden.

          Vorwurf der Ausspähung von Daten und der „Datenhehlerei“

          Nach Angaben von Sabine Vogt, Leiterin der BKA-Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität, hatte die Behörde in der Nacht auf den 4. Januar Kenntnis von den Veröffentlichungen erhalten. Daraufhin sei eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) geschaffen worden, um „rasche Ermittlungsergebnisse“ zu erzielen. Das habe auch die Aufgabe gehabt, die sehr unterschiedlichen Daten im Internet zu sammeln und aufzubereiten, um sich zunächst einen Überblick über die Betroffenen zu verschaffen. Diese seien informiert worden. Hinweise aus der Bevölkerung, von Sicherheitsbehörden und aus Zeugenvernehmungen in Berlin und Heilbronn, wo auch eine Wohnung durchsucht worden war, hätten dann zu einer Identifizierung des Tatverdächtigen geführt.

          Der Beschuldigte lebt bei seinen Eltern in Mittelhessen und befindet sich in einem „Schulverhältnis“; er ist nicht vorbestraft. Mit Verweis auf das Jugendstrafrecht wurden keine weiteren Angaben gemacht. Die „massiven Ermittlungen“ und das Erscheinen der Polizei hätten bei dem jungen Mann „durchaus einen gewissen Eindruck“ hinterlassen, so Ungefuk. Der Beschuldigte habe Reue gezeigt. Bei jüngeren Tätern erlebe man oft, dass „ein großes Nachdenken einsetzt“, wenn plötzlich die Polizei vor der Tür stehe.

          Dem 20 Jahre alten Mann wird Ausspähung von Daten und „Datenhehlerei“ vorgeworfen. Er soll in mehrmaligen Ausspähaktionen, hauptsächlich im vergangenen Jahr, sowie aus öffentlich verfügbaren Quellen die Daten gesammelt haben. Ungefuk zufolge deuteten die technischen Fähigkeiten des jungen Mannes darauf hin, dass dieser „viel Zeit im Internet und am PC“ verbracht habe. In der Szene gebe es jedoch viele junge Menschen, die sich, ohne eine Ausbildung durchlaufen zu haben, derlei Kenntnisse selbst angeeignet hätten.

          BKA wie ZIK verteidigten das Vorgehen der Sicherheitsbehörden. Die Ermittlungen seien „sehr intensiv“, „mit Hochdruck“ und „viel Einsatz“, „auch in den Nachtstunden“ geführt worden, nachdem in der Nacht auf den 5. Januar Hinweise eingetroffen seien. Es handele sich um ein „sehr aufwendiges, anspruchsvolles Ermittlungsverfahren“, so Ungefuk, wie es aufgrund des Auslandsbezuges bei der Internetkriminalität oft der Fall sei. Derlei Fälle zeigten, welche Herausforderungen die Internetkriminalität mit sich bringe.

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