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Impfstoff knapp : Ärzte warnen vor Stopp der Biontech-Erstimpfungen in Praxen

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In der Gemeinschaftspraxis "Praxis Ockstadt" wird eine Frau von Dr. Viktor Okhrimenko mit dem Covid-19-Impfstoff von Pfizer-Biontech gegen Corona geimpft. Bild: Lucas Bäuml

Weil der Großteil der Einheiten an die Impfzentren geht, können die deutschen Hausärzte bald wohl kaum noch neue Patienten mit dem Präparat von Biontech impfen. Jede Dosis, die sie bekommen, muss für die Zweitimpfungen verwendet werden.

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          Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnt vor einem vorübergehenden Stopp der Corona-Erstimpfungen mit dem Präparat des Herstellers Biontech in den Arztpraxen. „Die vom Bundesgesundheitsministerium für Mai angekündigten Mengen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer reichen nicht aus, um damit ab Mitte des Monats Erstimpfungen in nennenswertem Umfang in den Praxen durchführen zu können“, erklärte KBV-Chef Andreas Gassen in einer Mitteilung an die Praxen, die der Zeitung „Rheinische Post“ vorliegt. „Grund hierfür ist, dass ab diesem Zeitpunkt die erforderlichen Zweitimpfungen mit diesem Impfstoff erfolgen.“  Gassen forderte Bund und Länder auf, „endlich dafür zu sorgen, dass die Praxen genügend Impfstoff erhalten“.

          Thomas Preis, der Chef des Apothekerverbands Nordrhein, bestätigte die Befürchtung der Mediziner. „In der Woche nach Ostern konnten die Arztpraxen zum ersten Mal etwa eine Million Biontech-Dosen verimpfen. Ab der zweiten Maiwoche wird dann die zweite Impfung fällig. Da aber jetzt insgesamt nur 1,3 Millionen Biontech-Dosen bereitgestellt werden können, werden nicht mehr so viele Erstimpfungen stattfinden können wie bisher.“

          Preis fordert zudem, rasch auch Kinderärzte einzubeziehen: „Wir haben bezüglich der Verträglichkeit des Biontech-Impfstoffs nur positive Rückmeldungen. Ich bin mir sicher, dass die Kinderärzte schnell den bald auch für Kinder zugelassenen Impfstoff einsetzen werden“, sagte Preis. Schon jetzt könnten die Kinderärzte Kinder ab 16 Jahren mit dem Biontech-Impfstoff impfen, zurzeit müssten sie aber noch die Priorisierung beachten.

          Laut den aktuellen Lieferprognosen des Bundesgesundheitsministeriums sollen die deutschen Hausarztpraxen im Mai pro Woche etwa 1,6 Millionen Einheiten des Impfstoffs von Biontech bekommen. In den ersten beiden Maiwochen kommen jeweils weitere 1,3 bis 1,4 Millionen Dosen des Impfstoffs von Astra-Zeneca hinzu. Der Großteil der verfügbaren Corona-Impfdosen wird in dieser Zeit an die Impfzentren der Länder verteilt. Sie sollen nach Angaben des Ministeriums pro Woche zwischen 2,4 und 2,6 Millionen Einheiten erhalten. Das Präparat von Biontech macht dort mit etwa 1,8 Millionen Einheiten den größten Anteil aus. Erst von Juni an soll die Zahl der Lieferungen an die Arztpraxen spürbar steigen. Das Ministerium will dann zwischen 3,4 und 3,7 Millionen Dosen Biontech pro Woche an die Arztpraxen liefern lassen.

          Unterdessen wurde bekannt, dass die Corona-Krise Altenpflegekräfte besonders häufig trifft. Seit dem Beginn der Pandemie bis Mitte November war bundesweit jede 40. Altenpflegekraft wegen einer Corona-Infektion arbeitsunfähig; bei allen Berufsgruppen lag der Anteil bei jedem 60., wie aus einem Pflegereport der Barmer Krankenkasse hervorgeht, der der Zeitung „Rheinische Post“ vorliegt. Die Kasse ließ dafür die Daten ihrer Versicherten wissenschaftlich auswerten.

          Auch abseits von Corona ist der Krankenstand bei den Altenpflegehilfskräften überdurchschnittlich. Er liegt laut dem Report bei 8,7 Prozent, in anderen Berufen seien es fünf Prozent. Schon vor Corona war die Lage in der Pflegebranche demnach angespannt. Nordrhein-Westfalen verlor pro Jahr durch krankheitsbedingte Ausfälle und Frühverrentungen in der Altenpflege rund 5700 Pflegekräfte, wie die Barmer in einer Hochrechnung ermittelte. Bundesweit seien es etwa 26.000 Pflegekräfte.

          Ärztepräsident Klaus Reinhardt sieht als Lehre aus der Corona-Krise großen Verbesserungsbedarf von Notfallplänen bis zur Pflege, aber auch eine Warnung vor zusätzlichem Kostendruck. „Wir brauchen eine kritische Analyse der jetzt zu Tage getretenen Schwächen“, sagte der Chef der Bundesärztekammer der Deutschen Presse-Agentur vor dem Beginn des Deutschen Ärztetags an diesem Dienstag. „Der Wert des Gesundheitswesens ist in der Krise aber sehr deutlich geworden“, sagte Reinhardt. 

          „Der Ernstfall muss regelmäßig geübt werden“

          Lehren aus dem Corona-Krisenmanagement sind ein Thema des Ärztetages, der als Online-Veranstaltung beginnt. Es sind die ersten großen Beratungen der Ärzteschaft seit Beginn der Pandemie, nachdem der Ärztetag im vergangenen Jahr ausgefallen war. Reinhardt sagte, Deutschland müsse sich den Mehraufwand für Reserven an Betten oder Schutzausrüstung leisten. „Es darf nicht wieder so etwas wie im Frühjahr 2020 passieren, als wir nicht einmal Masken und Schutzkleidung hatten.“ Katastrophenpläne und Vorgaben für Krisenstäbe müssten standardisiert und laufend aktualisiert werden. „Der Ernstfall muss regelmäßig geübt werden.“

          In der Alten- und Krankenpflege seien Druck und Personalmangel nicht erst durch Corona entstanden. „Viele Mitarbeiter in diesen Bereichen müssen sich jetzt komplett verausgaben, um die Krise einigermaßen managen zu können." Diese Menschen dürfe die Politik nicht aus dem Blick verlieren. „Sie verdienen eine höhere Wertschätzung, bessere Arbeitsbedingungen und auch eine bessere Bezahlung."

          Zu den Gesundheitsämtern sagte Reinhardt, man habe nun die Erfahrung machen müssen, dass der öffentliche Gesundheitsdienst „geradezu kaputtgespart“ worden sei. „Das muss dringend umgekehrt werden.“

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