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Bioenergie : Wenn Träume platzen

Die Nationalakademie Leopoldina hält den Bioenergiesektor in Deutschland für eine Fehlentwicklung. Sie stellt sich damit vehement einer immer mächtiger werdenden Lobby entgegen - nicht zuletzt innerhalb der ökologischen Bewegung.

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          Die Nationalakademie hat sich nicht blenden lassen. Nicht von den Branchenoptimisten, die der Bioenergie regelmäßig Wachstumsaussichten im Bereich von acht Prozent versprechen und nicht von den wissenschaftlichen Studien, die in den vergangenen Jahren wie frischer Dünger auf die Felder der blühenden Alternativenergiefelder ausgestreut wurden. Bei der Frage, ob Landflächen, die potentiell der Nahrungsmittelproduktion dienen können oder umgewandelte Lebensmittel selbst verfeuert werden sollen, hat die Nationalakademie Leopoldina sich von keiner Euphorie anstecken lassen.

          Sie hält den Bioenergiesektor in Deutschland für eine Fehlentwicklung. Sie hat sich die Mühe gemacht, ja industriepolitisch gewissermaßen den Luxus geleistet, in die Lebenszyklusanalysen von Biosprit und Biogas mehr als die reinen Kohlendioxidemissionen der Biomasse-Nutzung einzubeziehen und damit eine vermeintliche „Klimaneutralität“ der grünen Energie festzustellen. Sie hat insbesondere versucht zu ermitteln, welche Umweltrisiken der gezielte großflächige Anbau von Ölpflanzen und stärkereichen Kulturen hat, aus denen dann jenes Biodiesel und jener Bioethanol gewonnen wird, den die Politik und die europäische Bürokratie so vehement im künftigen grünen Energiemix fordert - und kräftig subventioniert.

          Das Fazit der Akademie ist eindeutig: Unter dem Strich ist der ökologische Preis für ein Land wie Deutschland zu hoch, sind gesamtgesellschaftlich betrachtet andere regenerative Energien zukunftsträchtiger. Wir sollten unsere Natur und Landschaft nicht großflächig den absehbaren Risiken einer bioenergetischen Transformation aussetzen, wenn es andere Möglichkeiten gibt.

          Die Nationalakademie hat sich damit vehement der Kritik einer immer mächtiger werdenden Lobby - nicht zuletzt innerhalb der ökologischen Bewegung - ausgesetzt. Das ist respektabel. Aber sie kann es sich natürlich leisten, weil sie keineswegs nur ökologische Argumente auf ihrer Seite hat. Auch führende Wirtschaftsfachleute auf dem Gebiet haben zuletzt gemahnt: Biomasse als Energiequelle im großen Stil wird schöngeredet, die Risiken einer Ausweitung bisher nicht berücksichtigt. Viele sind noch gar nicht wissenschaftlich erfasst. Wer sich an Ökobilanzen klammert, die solche Lücken wie bisher in Kauf nehmen, belügt sich selbst. Die Botschaft der Akademie ist unmissverständlich.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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