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Bioenergie : In die Biotonne

Biogasanlagen-Betreiber haben es inzwischen schwer, genügend Biomasse zu auskömmlichen Preisen zu erhalten Bild: dpa

Energiepflanzen schaden der Natur, verteuern das Brot und bringen fürs Klima wenig. Die Energiewende entpuppt sich zunehmen als Projekt, deutschen Landwirten neue Einkommensquellen zu verschaffen.

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          Die Verführung liegt in der Schlichtheit des Gedankens: Die Umwandlung von Bioenergiepflanzen in Energie sei zwangsläufig klimaneutral. Bei der Verbrennung der Biomasse könne nur so viel CO2 frei werden, wie die Biomasse vorher aufgenommen hat. Dieses Argument ist die Voraussetzung für die staatliche Förderung der Bioenergie.

          Biomasse spielt eine zentrale Rolle im Energiewendedrama der Bundesregierung. Denn die Ökoenergiequelle hat gegenüber der Photovoltaik und der Windkraft den unschätzbaren Vorteil, zuverlässig Strom zu liefern, auch wenn gerade keine Sonne scheint und kein Wind weht. Deswegen wohnt ihr das Potential inne, die schmutzigen Energieträger Kohle, Erdgas und Öl zu verdrängen.

          Die Förderung wirkt auf eindrucksvolle Weise

          Das ist schön ausgedacht. Doch leider ist die Ökoenergie gar keine. Das haben zahlreiche Wissenschaftler schon immer gesagt und nun mit besonderem Gewicht die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die der Bundesregierung empfiehlt, die Förderung des Ausbaus zu stoppen.

          Unter Bioenergie versteht man die Energie, die aus Verbrennung nichtfossiler pflanzlicher Biomasse stammt oder aus Biokraftstoffen, die aus Biomasse hergestellt wurden. Die Förderung nimmt in Deutschland grob zwei Wege. Zum einen wird die Umwandlung von Biogas in Strom und dessen Einspeisung mit einem Festpreis vergütet, der über den Marktpreisen für Strom liegt. Das ist so organisiert wie die Förderung von Windkraft und Photovoltaik. Zum anderen zwingt der Bund die Mineralölindustrie, dem Treibstoff Biokraftstoff beizumischen. Der wird aus Getreide gewonnen.

          Man darf sagen: Die Förderung wirkt auf eindrucksvolle Weise. In ganz Deutschland sind zum Beispiel rund 7300 Biogasanlagen entstanden. Das hat den Ackerbau hierzulande dramatisch verändert. Für die meisten Biogasanlagen wird Mais eingesetzt, der in riesigen Bottichen von Mikroben in Gas umgewandelt wird. Rund um die Anlagen wird deshalb Mais angebaut. Allein in Niedersachsen hat sich der Maisanbau seit 2004 verdoppelt. Auf jedem dritten Hektar Ackerfläche des Agrarlandes steht inzwischen Mais.

          Jeder weiß es längst

          Was für eine Karriere! Als das grüne Denken noch naturverbunden war, erntete die Maispflanze größten Unmut der Ökos. Die Pflanze ist der Prototyp der intensiven Landwirtschaft, verlangt viel Stickstoffdünger, macht anderen Pflanzen und Tieren (außer Wildschweinen) das Leben schwer und begünstigt Bodenerosion. Diese Argumente mussten zurücktreten hinter dem politischen Wunsch, die Energiewende real werden zu lassen. Verdrängt oder kleingeredet wurde ferner die wissenschaftliche Erkenntnis, dass der Anbau das Klima negativ beeinflusst, weil durch die intensive Stickstoffdüngung Lachgas freigesetzt wird, dass schädlicher auf die Klimaentwicklung wirkt als CO2.

          Schwer wiegt, dass die Energiepflanzen jene Pflanzen verdrängen, die für Tierfutter und Brot angebaut werden. Das erzeugt Knappheiten und hohe Preise, die für reiche Europäer erträglich scheinen, für Bürger armer Länder aber bedrohlich werden können. Gerade die Produktion von Biokraftstoff ist auf Importe angewiesen. In Lateinamerika und Teilen Asiens weichen Viehhalter und Bauern für Brot- und Futtergetreide auf Flächen aus, die als ökologisch schützenswert gelten. Keine Nachhaltigkeitsverordnung der Bundesregierung kann das verhindern. Und das Schlimme ist, jeder weiß es längst.

          Die Flächenkonkurrenz versaut die Stimmung

          Eine Vermutung verdichtet sich zunehmend. Die Energiewende entpuppt sich als Projekt, deutschen Landwirten neue Einkommensquellen zu verschaffen ohne nennenswerten Beitrag zur Abmilderung des menschengemachten Klimawandels. Ein Großteil der Solaranlagen ist auf bäuerlichen Scheunen installiert, die meisten Windräder stehen auf landwirtschaftlichen Nutzflächen, die Bioenergiepflanzen ohnehin, und die meisten Investoren für die Biogasanlagen sind ebenfalls Bauern. So ist es naheliegend, dass die konventionelle Landwirtschaft zu den tapfersten Verteidigern des Förderregimes gehört. Sie ist Nutznießer einer der größten Umverteilungen zu Gunsten der Land- und Immobilienbesitzer in Deutschland überhaupt. Milliarden Euro wandern jährlich von normalen Stromkunden zu den Ökostromern der Landwirtschaft.

          Allerdings gewinnen nicht alle Bauern. Biogasanlagen-Betreiber haben es inzwischen schwer, genügend Biomasse zu auskömmlichen Preisen zu erhalten. In der Regel haben sie, um ihre Anlagen zuverlässig bestücken zu können, Ländereien im Umfeld der Anlage gepachtet. Das hat die Pachtpreise nach oben gebracht und Missmut unter Landwirten erzeugt, die ebenfalls pachten müssen.

          Die staatlich ausgelöste Flächenkonkurrenz versaut die Stimmung. Dabei könnte sie so gut sein. Die Menschheit wächst, sie will essen. Die Preise kennen auch ohne Bioenergieförderung nur eine Richtung. Sie gehen nach oben.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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