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Bildungsstreik : Im Basislager des studentischen Protests

  • -Aktualisiert am

Anfang der Woche trugen zum Beginn der Bildungsproteste einige hundert Studenten symbolisch die freie Bildung zu Grabe Bild: ©Helmut Fricke

Vor allem unter Geisteswissenschaftlern ist der Unmut über den Bologna-Prozess weit verbreitet - auch bei den Professoren. Bachelor und Masters werden zu Schimpfwörtern. Timo Frasch hat sich den Protest in Heidelberg angeschaut.

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          Die streikenden Studenten in Heidelberg können froh sein, dass ihr Rektor Eitel heißt. Das macht manches einfacher: „Demokratie statt EITELkeit“ - so wirbt die Grüne Hochschulgruppe für die Senatswahl, die in der Woche der sogenannten Studentenstreiks stattfindet. Bernhard Eitel hat zu seinem eigenen Nachteil nach Angaben von Studenten in einer Sprechstunde geäußert, er sehe sich selbst als „Captain“ des Universitätsteams. Dass er das so oder so ähnlich gesagt hat, ist durchaus möglich.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Eitel, der von Haus aus Geograph ist, sagt nämlich auch: Vom Gipfel des Berges aus erkenne man den richtigen Weg besser als während des Anstiegs, und er meint damit offenbar sich und die Studenten. Er sagt das, als zu Beginn des Protests etwa vierzig junge Leute in gelben Streik-T-Shirts friedlich vor dem Hauptgebäude der Heidelberger Universität stehen. Sind das viele? Oder wenige? Sind sie das Sprachrohr der schweigenden Mehrheit, die sich angeblich wegen des Leitungsdrucks an der Universität nicht mehr engagieren kann, oder einer wehleidigen Minderheit, die Freiheit ruft und Freizeit meint? Der Professor aus Heidelberg, Paul Kirchhoff, scheint es auch nicht zu wissen und geht wortlos an den Studierenden vorüber.

          Eine neue und vielfältige Studienlandschaft

          „Captain“ also. Und „Gipfel“. Von da oben sieht man tatsächlich viel, man kann aber wenig hören, vor allem wenig von dem, was weiter unten passiert. Zum Beispiel hört man nicht, wie ein Politikstudent sagt, seit den Bologna-Reformen mit der Einführung von Bachelor und Master sei das Studium zum „Bulimie-Lernen“ verkommen: rein in den Kopf, raus aus dem Kopf, vornehm ausgedrückt. Man hört auch nicht, wie die Vorsitzende des Heidelberger Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) sagt, sie könne viele der Kritikpunkte der Kommilitonen nachvollziehen, halte es aber für sinnvoller, anstatt zu streiken, mit den verantwortlichen Politikern zu sprechen. Man hört nicht, wie sich die RCDS-Leute vom bildungspolitischen Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag distanzieren, der den Initiatoren der Streiks vorgeworfen hat, sie hielten andere von ihrer Ausbildung (nicht Bildung) ab. Und man hört nicht, dass die Protestierenden, von denen sich die meisten wohl als „links“ bezeichnen lassen würden, dem RCDS unterstellen, er habe Streikplakate mit dem Schriftzug „verschoben“ überklebt.

          Vermutlich ist Eitel ganz froh, sich das nicht auch noch anhören zu müssen - zu viele andere Stimmen stören die Ruhe auf dem Gipfel: die Politik, die nicht nur nach Ansicht einiger Versprengter den Bologna-Prozess ohne Rücksicht auf Verluste durchgedrückt hat; die Hochschulrektorenkonferenz, deren Präsidentin Wintermantel gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abermals gesagt hat, dass durch Bologna „eine neue und vielfältige Studienlandschaft“ entstehe, „deren Potential noch gar nicht ganz erschlossen ist“; die Exzellenzinitiative, deren Gelder man sich in Heidelberg auch durch eine exzellente, das heißt in diesem Fall vor allem schnelle Umsetzung der Bologna-Reformen unbedingt sichern wollte (was gelang); schließlich die Wirtschaft, die ihre Interessen im Universitätsrat vertritt und deren Exponenten einst lauthals nach dem Bachelor krähten und nun die entsprechenden Absolventen nicht gerade mit Handkuss übernehmen.

          Studiengebühren unsozial

          Trotz dieses Stimmengewirrs bekräftigt Eitel, er habe ein offenes Ohr für die Studenten und unterstütze viele ihrer Anliegen. Ganz so ist es allerdings auch nicht. Studiengebühren etwa hält er für essentiell, die Protestierenden halten sie für unsozial. Er vergleicht die Universität mit einem Unternehmen, die Protestierenden hingegen lehnen das Denken ab, das sie hinter solchen Vergleichen vermuten. Mehr Transparenz will Eitel, demokratische Teilhabe die Protestierenden. Bologna zumindest sieht auch der Rektor - in Teilen - kritisch, vor allem die Umsetzung, für die aber hauptsächlich die einzelnen Fachbereiche, also nicht das Rektorat, verantwortlich seien. Als eines der größten Probleme nennt er schließlich, dass man von der Institution Universität wie auch von den Studenten immer mehr verlange, gar die Lösung aller möglichen gesellschaftlichen Probleme, ohne dafür in angemessenem Umfang Geld zur Verfügung zu stellen.

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