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Bildungspolitik : Gemeinsam gegen Lehrermangel

Unternehmensmitarbeiter als Physik- und Mathematiklehrer? Unterricht an einer Dresdner Grundschule Bild: AP

Baden-Württemberg wird für seine bundesweite Werbekampagne um Lehrer heftig kritisiert. „Das ist nicht die Art von Wettbewerb, die wir brauchen“, sagte der KMK-Vorsitzende Henry Tesch der F.A.Z. Die hessische Kultusministerin Henzler (FDP) wirbt für ein gemeinsames Vorgehen.

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          Die neue hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) spricht sich für ein gemeinsames Vorgehen der Bundesländer bei der Werbung um Lehrer aus. „Auf der nächsten Kultusministerkonferenz (KMK) Anfang März werde ich darauf dringen, dass sich die Länder nicht mehr - wie derzeit teilweise praktiziert - gegenseitig die Lehramtsanwärter streitig machen“, sagte Frau Henzler der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Dienstag. Es sei absehbar, dass alle Bundesländer „in den kommenden fünf Jahren vor dem Problem stehen werden, zu wenig Bewerber für zu viele Stellen zu haben“.

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Politik.

          Sie wolle darum in einem ersten Schritt in der KMK vorschlagen, anstelle vieler konkurrierender Anwerbungsversuche eine gemeinsame bundesweite Imagekampagne für den Lehrerberuf zu starten. „Dann können sich Bewerber immer noch aussuchen, wo ihnen die Bedingungen am ehesten entsprechen.“ Jedoch solle nicht unterschiedslos für den Lehrerberuf als solchen geworben werden, sondern für die derzeit besonders gesuchten Fachrichtungen: Naturwissenschaften und Fremdsprachen, allen voran Latein. „Germanistik oder Sozialkunde würde ich davon ausnehmen“, sagte Frau Henzler der F.A.Z.

          Kritik an „aggressiver“ Werbung Baden-Württembergs

          Das Land Hessen steht in diesem Jahr vor rund 1900 Lehrer-Pensionierungen; hinzu kommen 1000 neue Stellen, die besetzt werden sollen. Im Koalitionsvertrag hatten CDU und FDP vereinbart, die Klassengrößen in allen Schulformen um im Schnitt drei Schüler zu verringern. Trotz dieses zusätzlichen Bedarfs werbe Hessen derzeit nicht aktiv in anderen Bundesländern um Lehrer. „Wir müssen realistisch sein“, sagte Frau Henzler, „wir werden nicht für alle diese Stellen passgenaue Köpfe finden.“

          Kampagne für den Lehrerberuf: Die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP)
          Kampagne für den Lehrerberuf: Die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Um so wichtiger sei es deshalb, sich über gemeinsame Regelungen zur Abschätzung des Bedarfs und zur Einstellung von Lehrern zu unterhalten. Die „aggressive“ Werbekampagne Baden-Württembergs, aber auch die vergleichsweise hohen Gehälter, die beispielsweise in Berlin gezahlt würden, seien auf Dauer jedenfalls keine Lösung, sagte Frau Henzler.

          „Nicht die Art von Wettbewerb, die wir brauchen“

          Auch der derzeitige KMK-Vorsitzende, der mecklenburg-vorpommersche Kultusminister Henry Tesch (CDU), befindet: „Das ist nicht die Art von Wettbewerb, die wir brauchen.“ Vielmehr sei eine stärkere länderübergreifende Abstimmung nötig, die nicht nur den akuten Bedarf der nächsten Jahre berücksichtige, sondern eine langfristige Personalplanung leiste. Erste Schritte dazu hatte die KMK erst im Oktober 2008 beschlossen.

          Tesch will den Kultusministern in Stralsund eine solche gemeinsame Langzeitperspektive vorschlagen: „Pensionierungen kommen nicht über Nacht, demographische Spitzen und Täler sind vorhersehbar, sie fallen nicht einfach vom Himmel“, sagte er dieser Zeitung. Vor diesem Hintergrund kritisiert er das Vorgehen Baden-Württembergs heftig: „In drei Jahren werden viele dieser nun so gesuchten Leute schon nicht mehr gebraucht werden. Was ist das für eine Perspektive, die man da den jungen Anwärtern bietet, die nach Baden-Württemberg kommen sollen?“

          Fast jeder zweite Physik-Referendar ohne didaktische Ausbildung

          Auch den Vorstoß der Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), erfolgreiche Mitarbeiter von Wirtschaftsunternehmen stundenweise für den Schuldienst abzustellen, hält er jedoch nicht für zielführend. „Um ein guter Lehrer zu sein, braucht es mehr als Fachwissen. Wir brauchen also fachwissenschaftlich und didaktisch gut ausgebildete Lehrer.“ Mit ähnlichen Argumenten hatten am Montag schon Lehrer- und Wirtschaftsverbände den Vorschlag Schavans zurückgewiesen.

          Nach Meinung des KMK-Vorsitzenden sollten vielmehr sogenannte Seiteneinsteiger, die schon jetzt unterrichten, ohne didaktisch ausgebildet zu sein, nachgeschult werden. Die Physikalische Gesellschaft Deutschlands habe jüngst darauf aufmerksam gemacht, dass zwischen 2002 und 2007 schon 45 Prozent der Physik-Referendare in der gymnasialen Oberstufe kein Lehramtsstudium absolviert hatten.

          Programm für Seiteneinsteiger

          Auch über diesen Punkt wollen die Kultusminister Anfang März in Stralsund sprechen. Das hessische Seiteneinsteigerprogramm, das wegen rechtlicher Mängel eingestellt worden war, will Dorothea Henzler jedenfalls überarbeiten und demnächst neu auflegen.

          Mit den im CDU-FDP-Koalitionsvertrag vereinbarten Geldmitteln, die den Schulen künftig zur eigenen Verwendung zur Verfügung stehen sollen, könnten dann beispielsweise die Vertretungslehrer, die bisher mit Fach- aber ohne Didaktikstudium an vielen Schulen unterrichten, gehalten und sukzessive in feste Anstellungen oder sogar Verbeamtungen überführt werden. Denn das ist das Pfund, mit dem Hessen in der Konkurrenz der Länder um Lehrer wirbt: Verbeamtet wird bis zum 50. Lebensjahr.

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