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Bildungspolitik : Der Mythos Ostschule

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Angela Kasner (2. Reihe, Mitte, leicht verdeckt) mit ihren Schulfreunden aus der 10. Klasse der Polytechnischen Oberschule Templin/Brandenburg (Archivfoto von 1971). Das damals junge Mädchen heißt heute Angela Merkel Bild: picture-alliance/ dpa

Im Schulsystem der DDR sehen manche bis heute ein Stück Sozialismus, das funktionierte und wert gewesen wäre, übernommen zu werden. Doch der Schein trügt: Das System war weder gerecht noch sozial durchlässig - als Vorbild taugt es nicht.

          Die DDR-Schule ist ein Mythos. Viele haben daran mitgewirkt, dass sich dieses Stück DDR-Inventar mit so vermeintlich passablem Ruf über die Zeiten gerettet hat.

          Bildungsreformer West finden in der zehnjährigen Polytechnischen Oberschule der DDR (POS) eine Projektionsfläche für möglichst langes gemeinsames Lernen, und wenn nach den Sommerferien in Berlin die neue Sekundarschule die Hauptschulen ersetzt, wenn in Nordrhein-Westfalen und in Hamburg übers Gymnasium gestritten wird, dann glitzert immer auch die Fata Morgana der Ostschule am Horizont. Bei Gegnern wie Befürwortern differenzierter Bildungswege - und erst recht, wenn die Linkspartei mit von der Partie ist.

          Gerechte Bildung auf hohem Niveau für alle?

          Denn die Bewahrer von Ost-Biographien in den neuen Ländern (“Es war nicht alles schlecht“) und jene des DDR-Angedenkens in den alten Ländern halten die POS heute ebenfalls hoch als Symbol dafür, dass nicht nur Grüner Pfeil und Ampelmännchen in die Einheit hätten „eingebracht“ werden können, sondern auch die gerechte Bildung auf hohem Niveau für alle. Ein Stück Sozialismus, das funktionierte und wert gewesen wäre, übernommen zu werden. Doch der Schein trügt.

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          Selbst wenn man die durchgreifende Indoktrinierung der Honeckerschen Schule - Margot Honecker war von 1963 bis 1989 (!) Bildungsministerin der DDR - beiseite lässt, taugt die Ostschule nicht als Vorbild, ja sie ist nicht einmal Indiz dafür, dass gemeinsames Lernen fruchtbarer ist als frühe „Selektion“ - ein Begriff, der gerade wegen seines diskreditierenden Untertons in die heftig geführte Bildungsdebatte eingeführt worden sein dürfte.

          Niedrigere Abiturquote als in der Bundesrepublik

          Auch ein heilsamer Effekt sozialer Durchlässigkeit ist der Ostschule schwer zu bescheinigen. Und die Abiturquote in der DDR - zwischen fünf und fünfzehn Prozent - lag zu allen Zeiten deutlich unter jener der Bundesrepublik.

          Um als Vorbild zu dienen, müsste sich das DDR-Bildungssystem wenigstens einmal einem vergleichbaren Test unterzogen haben, wie die bundesdeutschen Schulen. Etwas Ähnliches wie Pisa hat es in der DDR allerdings nie gegeben. Schon diese Tatsache macht den unbefangenen Vergleich schwer.

          Wer die DDR-Schule durchlaufen hat und mit nüchternem Blick zurücksieht, wird aber auch empirische Zweifel an der Überlegenheit hegen. Wenn man sich vor Augen führt, dass alle Schüler von der fünften Klasse an Russisch lernen mussten und dass dennoch kaum jemand die Sprache einigermaßen alltagstauglich beherrschte, dann kann die Vermittlung des Stoffes nicht sonderlich effektiv gewesen sein.

          Kein individuelles Fördern, Fordern und Betreuen

          Ansonsten pflegte die Pädagogik in der DDR einen eher „schnörkellosen“ bis autoritären Stil der frontalen Ansage von Formeln und Inhalten, der heute keine Akzeptanz mehr finden würde und auf unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten der Schüler kaum Rücksicht nahm.

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