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Bildungsgerechtigkeit in NRW: : Auf dem Pfad des Widerspruchs

  • -Aktualisiert am

Kein Geld mehr für die PTA-Ausbildung: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft will die staatlichen Zuschüsse streichen Bild: dpa

Die rot-grüne Landesregierung verspricht Bildungsgerechtigkeit in Düsseldorf - für angehende pharmazeutisch-technische Assistenten scheint diese allerdings nicht zu gelten.

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          In Gelsenkirchen-Beckhausen ist das Ruhrgebiet unerwartet ländlich. Umgeben von Feldern, steht wie auf einer Insel ein wuchtiges Gebäude aus der Zeit des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert. Immer schon waren in dem Haus mit den breiten grauen Steintreppen Schulen untergebracht. Früher befand sich in dem Gebäude eine Volksschule, heute sind sogar zwei Lehranstalten einquartiert: eine Grundschule und eine Fachschule für pharmazeutisch-technische Assistenten (PTA).

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die ungewöhnliche pädagogische Symbiose besteht seit beinahe einem halben Jahrhundert. Im hinteren Flügel lernen Jungen und Mädchen der Klassen eins bis vier Lesen, Schreiben, Rechnen und was man sonst noch braucht, um fit zu sein für eine weiterführende Schule. Im vorderen Teil des Gebäudes bekommen 160 Jugendliche (vorwiegend sind es junge Frauen mit Migrationshintergrund) Unterricht in Fächern wie Chemie, Galenik, Botanik, Drogen-, Arzneimittel- oder Giftkunde und lernen auch sonst alles, was sie brauchen, um gute Apothekerassistenten zu sein.

          Doch damit könnte es bald vorbei sein, fürchtet PTA-Schulleiterin Susanne Brittinger. Denn die Landesregierung von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ist entschlossen, die in Nordrhein-Westfalen seit Jahrzehnten gewährten staatlichen Zuschüsse von maximal 73 Euro je PTA-Ausbildungsplatz zu streichen. Dabei müssen PTA-Auszubildende ohnehin Schulgeld in Höhe von bis zu 220 Euro im Monat zahlen.

          Existenz der Schulen gefährdet

          Viele Interessenten führt schon das an die Schmerzgrenze, mehr können sie nicht tragen. Erst vor zehn Minuten hat Schulleiterin Brittinger wieder eines dieser Telefonate geführt, die sie sehr beunruhigen. Wieder ein Mädchen, das einen Platz für den neuen Kurs im Herbst zugesagt bekommen hatte, ist abgesprungen. „Wegen des Schulgelds, hat sie gesagt“, berichtet Frau Brittinger. „Mittelfristig gefährdet das die Existenz meiner Schule.“

          Klaus Michels, Vorsitzender des Apothekerverbands Westfalen-Lippe, befürchtet, dass es nicht nur in Gelsenkirchen, sondern auch an den anderen PTA-Schulen in Nordrhein-Westfalen bald ganz aus sein könnte mit der Ausbildung. Derzeit gibt es noch 16 PTA-Schulen in kommunaler oder privater Trägerschaft zwischen Rhein und Weser mit insgesamt 2.000 Plätzen. Gemeinsam mit seinem Amtskollegen aus dem Rheinland und den beiden nordrhein-westfälischen Apothekerkammerpräsidenten hat sich Michels vor wenigen Tagen in einem Brandbrief an Ministerpräsidentin Kraft gewandt.

          Eindringlich warnen die Spitzenapotheker vor einem Nordrhein-Westfalen ohne PTA-Ausbildung. „PTA-Lehranstalten in Minden und in Hagen haben bereits erklären müssen, die Ausbildung einzustellen“, heißt es in dem Schreiben. Mit der Schließung weiterer Schulen in naher Zukunft sei zu rechnen. „Wir vertreten die Auffassung, dass eine Konsolidierung des Landeshaushalts nicht auf dem Rücken der mehrheitlich jungen Mädchen ausgetragen werden darf, die nun die Chance auf einen zukunftssicheren, wohnortnahen und ansprechenden Ausbildungsberuf verlieren.“

          Rot-Grün will Heilberufsgesetz ändern

          Die rot-grüne Landesregierung aber möchte sich nicht mehr auf eine Diskussion einlassen, in Bälde will sie ihren Etat für 2013 vom Landtag verabschieden lassen. „Wegen der angespannten Haushaltslage und des damit verbundenen Konsolidierungszwangs“ könne die Förderung der PTA-Lehranstalten nicht mehr fortgeführt werden, sagt die zuständige Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Doch gemessen an dem drohenden Schaden für die PTA-Ausbildung, ist der erzielbare Konsolidierungseffekt gering: Rund 1,7 Millionen Euro umfasst Etattitel 68661, unter dem Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) bisher die PTA-Ausbildungsförderung führt.

          Gesundheitsministerin Steffens sagt, Rot-Grün beabsichtige, das Heilberufsgesetz zu ändern. Im Rahmen dieser Novelle sollen die Apothekerkammern dann die Möglichkeit erhalten, „sich freiwillig auch für eine höhere finanzielle Unterstützung“ der PTA-Lehranstalten zu entscheiden. „Schließlich kommt die Ausbildung der pharmazeutisch-technischen Assistentinnen und Assistenten ganz überwiegend unmittelbar den Apothekenleiterinnen und Apothekenleitern zugute“, formuliert die Grünen-Politikerin.

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