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Bildungsdefizite durch verkürzte Schulzeit : „G8 wird die Studienzeit verlängern“

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Moralische Konfliktsituationen (der Konflikt zwischen Familie und Staat im Hinblick auf das Kindeswohl; die Bedeutsamkeit von Normen und eigenem Wollen; die Beschneidung individueller Rechte im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit) werden in jener Stufe 4 gelöst, die Lawrence Kohlberg als die konventionelle bezeichnet: Dafür gebe es doch gesetzliche Regelungen! Die auf Nachfrage dann schnell formulierten Abweichungen vom Rechtssystem werden nicht prinzipientheoretisch begründet („Gerechtigkeit“), sondern als dem Einzelnen jederzeit zustehende persönliche Willkür – nicht selten auf der vorkonventionellen Stufe 2: „Wie du mir, so ich dir.“ Auf die Frage, ob man eine unfreundliche Supermarktkassiererin auf zu viel herausgegebenes Wechselgeld hinweisen müsse, setzten sich Antworten durch wie: „Die ist doch alt genug. / Wenn sie nicht aufpasst. / Wenn die nett gewesen wäre, vielleicht!“

„Jeder sieht das anders“

Geltungsansprüche werden so lange anerkannt, wie sie der eigenen Erfahrung entsprechen. Das gilt sogar bei Studierenden der Geisteswissenschaften für wissenschaftliche Aussagen. Literaturinterpretation sei Ansichtssache, jeder könne alles in einem Text lesen; man sehe das halt anders. Auch in moralischen Fragen „sehe jeder das eben anders“. Moral sei, was die Gesellschaft dafür hält; das sei alles anerzogen. Es gebe „eh“ keine Wahrheit. Alles sei Ansichtssache. Die häufig benutzten Füllfloskeln „weiß nicht“, „keine Ahnung“, die zwischen Aussagesätze gesetzt werden, indizieren unfreiwillig den eigenen Bewusstseinsstand. „Man kann Schule doch nicht mit, keine Ahnung, Universität vergleichen . . .“ Bei den Studierenden der Naturwissenschaften werden Denkweisen dieser Wissenschaften bruchlos auf soziale Verhältnisse und Beziehungen übertragen: Ursache und Wirkung, Vorschrift und Ausführung, Suche nach Gesetzmäßigkeiten und Vorschriften sowie vorgegebene Verfahrensweisen.

Besonders auffällig ist: Der Ich-Bezug zu Lerngegenständen ist entweder narzisstisch verzerrt oder aber er fehlt ganz. Entweder werden also Sachverhalte oder Situationen egozentrisch begrüßt oder ebenso egozentrisch abgelehnt, oder sie werden gar nicht in Bezug zum Ich gesetzt. Man lernt, weil es aufgegeben wurde. Beide Haltungen machen akademische Lehre sehr schwierig. Seminarbeiträge werden von den Studierenden nicht als sachklärend verstanden, sondern als persönliche (und daher folgenlose) Stellungnahme oder aber als strategische Inszenierung.

Verweigerung als Ablehnung

In den Lehr-Lernsituationen gibt es selten Kritik; Lernen und Leben werden so getrennt, dass man für die Klausur lernt und sein Leben unabhängig vom Gelernten so deutet wie zuvor. Ablehnung wird ausschließlich durch Verweigerung kommuniziert.

Das Problem von G8 sind also offensichtlich nicht fehlende Kenntnisse; vielmehr lässt sich ein entwicklungspsychologisches Problem feststellen: Auf Grund der kognitiven Entwicklung scheinen die Studierenden nicht in der Lage zu sein, komplexe, antinomische und multikausale Prozesse, wie sie heute in allen Wissenschaften üblicherweise formuliert werden, angemessen aufzunehmen.

Es fehlen Fähigkeit und Bereitschaft, Vorgänge streng aspektgebunden oder multiperspektivisch zu betrachten. Die Entwicklung zu diesen Fähigkeiten wird vermutlich im weiteren Verlauf des Studiums einsetzen und voraussichtlich zu verlängerten Studienzeiten führen – schon allein, um Abschlussarbeiten auf dem Niveau schreiben zu können, das den wissenschaftlichen Standards entspricht.

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