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Bildung : Forscher empfehlen radikale Reform

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Bildungschancen sollen gerechter verteilt werden Bild: picture-alliance/ dpa

Renommierte Bildungsforscher mahnen in einem Gutachten eine radikale Reform an: Ganztagsschulen sollen verbindlich werden, Haupt- und Realschule zu einer „Sekundarschule“ verschmelzen. Ab vier Jahren soll eine Kindergartenpflicht gelten.

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          Der „Aktionsrat Bildung“ der bayerischen Wirtschaft hat die Politik in einem Gutachten dazu aufgerufen, rasch für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen. Die Bundesländer sollten dabei gemeinsam vorgehen, klare Zielvorgaben und Finanzierungskonzepte erstellen und bisherige Reformschritte ausweiten. Unter dem Vorsitz des Präsidenten der Freien Universität Berlin, des Erziehungswissenschaftlers Lenzen, haben führende Bildungsforscher, darunter auch der deutsche Pisa-Koordinator Prenzel, sowie Wilfried Bos und Jürgen Oelkers, im Auftrag der bayerischen Wirtschaft ein entsprechendes Gutachten mit Handlungsempfehlungen vorgelegt. Die Befunde zum Zustand des deutschen Schul- und Hochschulsystems spiegeln die Ergebnisse der Bildungsstudien der vergangenen Jahre.

          Die Herstellung von Bildungsgerechtigkeit, die nicht mit sozialer Gerechtigkeit verwechselt werden dürfe, müsse mit einer Erhöhung des Leistungsniveaus einhergehen und gehöre zu den wichtigsten politischen Aufgaben. „Bildungsgerechtigkeit“ nur durch bildungspolitische oder gar pädagogische Schritte erzielen zu wollen, halten die Forscher für einen Irrtum. Der Mangel an gebundenen Ganztagsschulen (feste Schulzeit für alle Schüler) verhindere den Ausgleich unterschiedlicher Ausgangsbedingungen. Entscheidend sei die frühe Öffnung des gesamten Bildungssystems für alle, unabhängig von Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft.

          Ziel: Zweigliedriges Bildungssystem

          In Anknüpfung an frühere Gutachten des Aktionsrates wird eine Kindergartenpflicht vom vollendeten vierten Lebensjahr an gefordert, außerdem sei ein Kindergarten- oder Kinderkrippenplatz vom vollendeten zweiten Lebensjahr an abzusichern, und zwar ganztags. Zwischen Kindergarten, Vorschule und Grundschule müsse es eine kontinuierliche Zusammenarbeit geben, die Bildungspläne seien weiterzuentwickeln und das pädagogische Personal akademisch auszubilden. Grundschullehrer müssen nach Auffassung des Aktionsrats dazu verpflichtet werden, systematisch ihre diagnostischen Fähigkeiten weiterzubilden.

          Haupt- und Realschule wollen die Bildungsforscher zu einer Sekundarschule zusammenlegen. Damit streben sie ein zweigliedriges Bildungssystem (Sekundarschule und Gymnasium) an und wehren sich gegen Einheitsschulmodelle in der Sekundarstufe I. Allerdings soll die Grundstufe unter Einschluss der Vorschulzeit auf sechs Jahre verlängert werden. Die Durchlässigkeit in der Sekundarstufe I müsse erheblich verbessert werden, um den Bildungsreserven aus unteren und bildungsfernen Schichten den Aufstieg zu ermöglichen.

          Um den Übergang in das Berufsbildungssystem zu erleichtern, sollten die Schulen auf hohem Niveau Kernkompetenzen vermitteln (Lesen, Schreiben, Rechnen), Qualifizierungsmodule mit klarer beruflicher Ausrichtung einrichten und die Berufsorientierung etwa durch Betriebspraktika verbessern. Dafür müssten Länder und Kommunen zusammenarbeiten. Für kleinere Betriebe schlägt der Aktionsrat eine finanzielle Unterstützung benachteiligter Jugendlicher vor.

          „Geschlechtliche Segregation“

          Den Zugang zu Hochschulen will das Gremium nicht ausschließlich von der Hochschulzugangsberechtigung abhängig machen, sondern anhand „zielgenauer Zulassungsprüfungen“ sichern. Dabei sei weniger auf formale Rechtstitel wie eine abgeschlossene Berufsausbildung als auf Studierfähigkeit Wert zu legen. Die Studienfachwahl sei von ihrer „geschlechtlichen Segregation“ zu befreien. Die Verbindung zwischen Gymnasium und Hochschule müsse systematisch durch sogenannte Kollegmodelle (Hochschuleingangsstufe) ausgebaut werden.

          Insgesamt empfiehlt der Aktionsrat eine autonome Schulorganisation, die den Schulen auch die Lehrerauswahl, die Festlegung der Lerninhalte, der Ressourcen und der Lehrergehälter überlässt. „Die Kombination aus Elternwahlfreiheit zwischen Privatschulen, wie in den Niederlanden, bei gleichzeitiger öffentlicher Finanzierung, zum Beispiel durch Gutscheinsysteme, erweist sich als optimale Organisationsform von Schulträgerschaft und -finanzierung“, heißt es in dem Gutachten. Der Beamtenstatus der Lehrer soll zugunsten befristeter Verträge beendet werden. Um politische Entscheidungen zu ermöglichen, müsse empirische Bildungsforschung auf einigen Feldern (insbesondere bei der Vor- und Ganztagsschule) handlungsorientiert geleistet und langfristig finanziert werden.

          Der Präsident des Lehrerverbandes Kraus kritisierte, es sei geradezu zynisch, dass die Wirtschaft einerseits über ungerechte Bildungschancen klage und andererseits Hauptschüler in großer Zahl bei der Lehrstellensuche übergehe und Arbeitsplätze in Leichtlohnländer exportiere. Die Wirtschaft solle sich lieber fragen, welchen Beitrag sie zur Bildungsungerechtigkeit geleistet habe. Die angestrebte Zusammenlegung der Haupt- und Realschule zu einer sogenannten Sekundarschule führe bei einem Drittel der Schülerschaft zu massenhafter Überforderung und bei einem anderen Drittel zu massenhafter Unterforderung.

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