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Bildungskommentar : Sollen jetzt alle auf Privatschulen?

Schulranzen und Fahrradhelm eines Schülers der Anna-Schmidt-Schule, einer Privatschule in Frankfurt am Main Bild: Ricardo Wiesinger

Das Vertrauen der Deutschen in die Institution Schule sinkt – und immer mehr Kinder gehen auf Privatschulen. Das ist gefährlich. Denn Bildung ist Aufgabe des Staates. Die darf er nicht aus der Hand geben.

          Immer mehr Kinder gehen auf Privatschulen, mittlerweile ist es jedes elfte. Und während es insgesamt immer weniger Schulen in Deutschland gibt, machen ständig neue Privatschulen auf: 5800 sind es inzwischen, zur Jahrtausendwende waren es erst 3200. Passend zu den Angaben des Statistischen Bundesamtes kam diese Woche noch eine andere Zahl, diesmal von Forsa.

          Das Umfrageinstitut hat untersucht, welchen Institutionen die Deutschen vertrauen. Ergebnis: Die Schulen sackten gegenüber dem vorigen Jahr um zehn Prozentpunkte ab. Es liegt auf der Hand, dass das vor allem am schlechten Image der öffentlichen Schulen liegt. Die Privatschulen füllen eine Lücke, die Nachfrage ist groß, das Angebot wächst. Das klingt harmlos, aber dahinter steht ein Problem. Denn Bildung ist Aufgabe des Staates. Die darf er nicht aus der Hand geben.

          Nach dem Prinzip der Risikominimierung

          Es beginnt mit den Fassaden. Eltern, die sich für eine Schule entscheiden, stehen vor der Privatschule und sehen: frischer Putz mit Messing-Lettern über dem Eingang. Vor der öffentlichen: Siebziger-Jahre-Waschbeton und stumpf gewordenes Fensterglas. Das Kind betrachtet die Glasscherben auf dem Hof und wiederholt, was Charlotte aus der 4c gesagt hat: dass es hier nur Assis gibt, die Drogen nehmen.

          Natürlich sagt das Urteil von Charlotte (oder eher: das ihrer Eltern) genauso wenig über das wahre Schulleben wie die Fassade. Wie gut der Unterricht ist, wie engagiert die Lehrer sind, ob die AG etwas taugt und wie das Mittagessen schmeckt, werden die Eltern erst dann wirklich erfahren, wenn das Kind die Schule besucht. Vorher sammeln sie aber so viele Indizien wie möglich. Und dabei schneiden Privatschulen oft besser ab.

          Manche Eltern melden ihre Kinder dann nach dem Prinzip der Risikominimierung an, nach dem Motto: Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schiefgeht, erscheint an der Privatschule geringer. Das Schulgeld wird im Extremfall nicht als Last, sondern als Preis für ein begehrtes Ticket verstanden – Eltern als Kunden, die sich Bildung und ein vermeintlich besseres Umfeld für ihre Kinder kaufen.

          Das ist nicht der Sinn von Privatschulen. Das Grundgesetz erlaubt sie nur, wenn „eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“. In der Praxis sieht das oft anders aus, auch ein Schulgeld von unter 200 Euro im Monat ist für ärmere Familien erheblich. Manche Schulen nehmen sogar vierstellige Summen, aber das ist die Ausnahme. Die meisten Privatschulen sind in kirchlicher Hand und verlangen moderate Beiträge. Doch auch da gibt oft nicht das Morgengebet den Ausschlag für Familien, sich zu bewerben, sondern die Hoffnung auf besseren Unterricht – und eine bestimmte Klientel.

          Das, was Schule ausmacht

          Den Eltern ist das nicht zu verübeln. Sie wollen das Beste für ihr Kind. Aber ohne ihre Entscheidungen gäbe es den Privatschul-Boom nicht. Deshalb sollte der Staat alles tun, um die eigenen Schulen attraktiver zu machen. Er steuert das Schulwesen und hat die Aufsicht über die Privatschulen. Wenn er private Neugründungen genehmigt, muss gesichert sein, dass der Unterricht dort nicht schlechter ist als an öffentlichen Schulen.

          Inzwischen ist es aber oft umgekehrt. Das muss ein Ansporn für staatliche Schulen sein, konkurrenzfähig zu bleiben. In erster Linie mit dem besten Unterricht. Aber auch ein ordentlicheres Erscheinungsbild würde helfen. Eltern sind zugleich gut beraten, wenn sie bei der Schulwahl gelassen bleiben – und sich danach für das Wesentliche interessieren: Was lernt das Kind? Fühlt es sich wohl? Da geht es um konkrete Inhalte, Lehrer, Mitschüler. Um das, was Schule ausmacht.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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