https://www.faz.net/-gpf-14wz8

Bildung : Abitur ist nicht gleich Abitur

  • -Aktualisiert am

Abitur muss nicht gleich Abitur sein: Schüler aus unterschiedlichen Bundesländern erzielen in Leistungstests unterschiedlich gute Leistungen. Bild: picture-alliance/ dpa

Deutliche Bewertungsunterschiede zwischen den Ländern ziehen die Aussagefähigkeit der Abiturnoten für die Zulassung zum Studium in Zweifel. In einem Vergleichstest lagen Abiturienten in Hamburg weit hinter denen aus Baden-Württemberg.

          6 Min.

          Der Reformbedarf bei den neugeschaffenen Bachelor-Studiengängen an den deutschen Hochschulen hat in den vergangenen Monaten die Schlagzeilen der Zeitungen dominiert. Nicht aus dem Blickfeld des Interesses sollte geraten, dass Defizite im System schon auf einer früheren Stufe zu beobachten sind: bei der Qualität der Leistungen im Abitur, bei der Vergleichbarkeit des Abiturs über verschiedene Bundesländer und Schulen hinweg und bei der auf den Schulnoten fußenden Zulassung zum Studium durch die Hochschulen. In diesem Beitrag zeigen wir anhand von erstmalig vorliegenden Daten aus zwei Bundesländern auf, wie groß Bewertungsunterschiede in Abiturnoten ausfallen können und wie stark die Chancen auf einen attraktiven Studienplatz von der Art des gewählten Zulassungsverfahrens abhängen.

          Schüler aus unterschiedlichen Bundesländern erzielen in Leistungstests unterschiedlich gute Leistungen. Dies ist seit der Vergleichsstudie Pisa gut bekannt. Allerdings beschränkte sich Pisa auf die Sekundarstufe I, vergleichbare Studien aus der gymnasialen Oberstufe gibt es bislang nicht. Für zwei Bundesländer, Baden-Württemberg und Hamburg, liegen jedoch vergleichende Informationen vor, die in zwei Schulleistungsstudien mit größtenteils identischen Instrumenten gesammelt wurden und Aussagen über Leistungsunterschiede zwischen Abiturienten aus diesen Bundesländern erlauben.

          Das Projekt „Transformation des Sekundarschulsystems und akademische Karrieren“ (Tosca) des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung hat im Jahr 2002 eine repräsentative Stichprobe von rund 4700 Abiturienten in Baden-Württemberg untersucht, im Rahmen der von der Stadt Hamburg in Auftrag gegebenen Studie Lernausgangslagen und Lernentwicklung (LAU) konnten im Jahr 2005 rund 5000 Abiturienten, praktisch der gesamte damalige Abschlussjahrgang, getestet werden.

          Wissensstand variiert erheblich

          Die Ergebnisse vergleichender Analysen der Fachleistungen der Abiturienten, die 2007 veröffentlicht wurden, waren ein Paukenschlag: Obwohl die Abiturienten in Hinblick auf ihre familiäre Herkunft und Begabung in beiden Ländern sehr ähnliche Voraussetzungen mitbrachten, fielen die Leistungen in dem eingesetzten standardisierten Mathematiktest sehr unterschiedlich aus. Der Wissensstand der Abiturienten in Hamburg lag um rund ein bis zwei Schuljahre hinter dem der Abiturienten in Baden-Württemberg; mehr als die Hälfte von ihnen verfehlte ein Leistungsniveau, das nach Bewertung von Fachexperten von Abiturienten eingefordert werden kann. Nur rund ein Fünftel der Leistungsunterschiede konnte dadurch erklärt werden, dass in Baden-Württemberg der Leistungskurs Mathematik deutlich häufiger belegt wurde als in Hamburg. Auch in den Naturwissenschaften fanden sich substantielle Bundeslandunterschiede.

          Die Botschaft war eindeutig: Am Gymnasium in Hamburg, dessen geplante Verkürzung für viele Hamburger Bürger offenbar seinem Untergang gleichkommt, gab es Schwierigkeiten bei der Qualitätssicherung. Allerdings, und dies war für die Bildungsforschung der vielleicht noch wichtigere Befund des Vergleichs, zeigten sich in den Englischleistungen der Abiturienten kaum Unterschiede zwischen den Ländern, in der Leistungsspitze hatten die Hamburger Abiturienten sogar geringe Vorteile: ein Beleg dafür, dass die Qualität der Beschulung nicht nur über die Bundesländer unterschiedlich ausfällt, sondern auch von Fach zu Fach innerhalb eines Bundeslands.

          In ergänzenden Analysen, die dieser Tage veröffentlicht werden (siehe Neumann, Nagy, Trautwein, Lüdtke, Vergleichbarkeit von Abiturleistungen, Leistungs- und Bewertungsunterschiede zwischen Hamburger und Baden-Württemberger Abiturienten und die Rolle zentraler Abiturprüfungen, in: „Zeitschrift für Erziehungswissenschaft“, Heft 4, 2009), wurde nun überprüft, welche Konsequenzen die Leistungsunterschiede für die Noten haben, die die Abiturienten an allgemeinbildenden Gymnasien in den beiden Bundesländern erhielten; berufliche Gymnasien und Gesamtschulen wurden nicht berücksichtigt.

          Bewertungsunterschiede in Mathematik

          Wir beschränken uns hier auf die Fachnoten aus dem letzten Halbjahreszeugnis vor dem Abitur. In der Abbildung wird gezeigt, welche Leistungen Abiturienten in Baden-Württemberg und Hamburg im Grundkurs (Felder A und C) beziehungsweise im Leistungskurs (Felder B und D) jeweils erbringen mussten, um eine bestimmte Punktzahl zu erreichen. Die Noten werden hierbei durch die übliche Punkteskala dargestellt. 13 bis 15 Punkte entsprechen der Note 1, 10 bis 12 Punkte der Note 2 usw.

          Die Abiturienten in Hamburg erbrachten im Grund- und Leistungskurs Mathematik für eine identische Note deutlich geringere Leistungen als die Abiturienten in Baden-Württemberg. In statistischen Analysen lässt sich zeigen, dass die Bewertungsunterschiede rund 1,5 Punkte auf der Punkteskala von 0 bis 15 beziehungsweise rund eine halbe Note auf der Notenskala von 1 bis 6 betrugen. Weiterhin ist zu erkennen, dass sich die substantiellen Bewertungsunterschiede auf die Mathematik beschränkten, im Fach Englisch waren sie inkonsistent und insgesamt wenig bedeutsam.

          Die Bewertungsunterschiede in Mathematik sind zu einem großen Teil die Folge des gut bekannten Referenzgruppeneffekts: Lehrkräfte orientieren sich bei der Notengebung nicht an absoluten Standards, sondern primär an den Leistungen der Mitschüler. In pädagogischer Hinsicht ist dieser Referenzgruppeneffekt durchaus sinnvoll (in einem Kurs, in dem alle die Note 4 oder schlechter bekommen, ist die Motivation sehr gering), unter dem Aspekt der leistungsgerechten Vergabe von Studien- und Berufschancen sieht es allerdings anders aus.

          Hypothetisches Szenario macht Ungerechtigkeit deutlich

          Welche Konsequenzen haben die Bewertungsunterschiede? In Deutschland spielen die Abiturnoten eine herausragende Rolle bei der Zulassung zu Studienfächern mit Zulassungsbeschränkungen. So ist es den Hochschulen erlaubt, die Fachnoten in einzelnen Fächern bei der Zulassung mit zu berücksichtigen - nimmt man unsere Ergebnisse ernst, ist dies höchst bedenklich. Die Abiturdurchschnittsnote hat sich dagegen in mehreren Untersuchungen als relativ guter Prädiktor von Studienleistungen erwiesen. Das liegt vermutlich unter anderem daran, dass in die Gesamtnote die Leistungen in vielen Fächern einfließen und sie neben der intellektuellen Leistungsfähigkeit auch die Anstrengungsbereitschaft der Absolventen widerspiegelt.

          Der Spielraum, den die Hochschulen inzwischen für den Einsatz von standardisierten Fachleistungstests, die von den Hochschulen durchgeführt werden, haben, wird bislang mehr schlecht als recht genutzt. In einigen anderen Staaten werden dagegen in vielen Studiengängen sämtliche Plätze auf der Basis von Leistungen in solchen standardisierten Leistungstests vergeben. Was würde geschehen, wenn dies auch in Deutschland der Fall wäre? Um dies zu prüfen, haben wir auf Grundlage der vorliegenden Daten ein hypothetisches Szenario der Studienzulassung an einer fiktiven Hochschule simuliert. Wir haben dafür angenommen, dass die Hochschule einen hoch attraktiven ingenieurwissenschaftlichen Studiengang anbietet, bei dem nur 10 Prozent der Studienbewerber aufgenommen werden können.

          Ergebnisse sind eindeutig

          Für unser Szenario haben wir vereinfachend angenommen, dass sich nur Abiturienten aus Baden-Württemberg und Hamburg bewerben würden, und zwar jeweils die besten. Zudem haben wir aus Gründen der Verständlichkeit die Stichprobe der Baden-Württemberger Abiturienten durch eine nachträgliche Gewichtung an die Stichprobengröße der Hamburger Abiturienten angepasst; verglichen werden somit zwei Bundesländer mit gleicher Anzahl von Studienbewerbern aus allgemeinbildenden Gymnasien. Und schließlich beruhen die Rechenmodelle auf der Annahme, dass die Leistungsunterschiede, die wir mit Daten aus den Jahren 2002 und 2005 identifiziert haben, noch immer bestehen - das kann, muss aber nicht der Fall sein.

          Die Ergebnisse der Modellrechnungen sind eindeutig. Würden die Abiturgesamtnoten oder die von den Schulen vergebenen Mathematiknoten bei der Auswahl zum Tragen kommen, würde sich eine leichte Überrepräsentation der Baden-Württemberger Abiturienten ergeben, die im Falle der Abiturgesamtnoten etwas stärker ausfällt als bei den Fachnoten. Würde man hingegen ausschließlich die Ergebnisse aus dem Fachleistungstest Mathematik aus unserer Studie heranziehen, fände eine deutliche Umverteilung der Studienplätze statt.

          Bei Beschränkung auf die besten 10 Prozent in den Mathematikleistungen würde die Gruppe der zugelassenen Bewerber zu fast 85 Prozent aus Baden-Württemberger Gymnasiasten bestehen und damit mehr als fünfmal so hoch ausfallen wie der Anteil der Hamburger Gymnasiasten. Zöge man die tatsächlichen Populationsdaten heran, anstatt - wie in der berichteten Modellierung - die künstlich gleich groß gemachten Bundesländer, so sähe das Ergebnis nochmals dramatischer aus: Hamburger Abiturienten hätten dann kaum noch eine Chance auf einen Studienplatz in einem Studienfach mit hohem Bewerberüberhang, bei dessen Zulassung ein Mathematiktest zur Anwendung käme.

          Zweifel an Zulassung berechtigt

          Die Zulassung würde in der beschriebenen Variante ausschließlich auf der Basis der erzielten Fachleistungen erfolgen. Wäre das nun gerechter als sich, wie bislang an den meisten Hochschulen üblich, vor allem auf die Abiturnoten zu verlassen? Auf den ersten Blick scheint dies der Fall zu sein, da ja bei der Verwendung von Leistungstests die individuell gezeigte Leistung zählt. Jedoch sind Zweifel berechtigt. Bedenkt man, dass die Lernvoraussetzungen der Abiturienten in den beiden untersuchten Bundesländern ähnlich ausfielen, nicht aber deren Schulleistungen in bestimmten Fächern, so wird schnell ein neues Ungerechtigkeitspotential deutlich: Es sind eben nicht nur die individuellen Fähigkeiten und der Fleiß der Abiturienten, die deren Leistung beeinflussen, sondern auch die Qualität der Schule, die im Übrigen auch innerhalb eines Bundeslandes beträchtlich variieren kann.

          Soll man Abiturienten für etwas belohnen oder bestrafen, für das eigentlich ihre Lehrkräfte (oder die Bildungsadministration oder die Bildungspolitik) verantwortlich sind? Was ist zu tun? Die Interessen von Hochschule, Gesellschaft und Abiturienten aus unterschiedlichen Bundesländern sind nicht einfach unter einen Hut zu bringen. Trotzdem lassen sich zwei wichtige Punkte festhalten. Erstens führt am Einsatz von professionellen Studieneingangstests aus Gründen der Vergleichbarkeit kein Weg vorbei; diese sollten die Abiturgesamtnote ergänzen, aber nicht komplett ersetzen.

          Auf die Berücksichtigung von Fachnoten aus dem Abiturzeugnis sollte dagegen verzichtet werden. Auch von Interviews bei der Studienfachzulassung - das zeigt die entsprechende Forschung - ist in aller Regel abzuraten. Zweitens kommt es entscheidend darauf an, alle möglichen Anstrengungen vorzunehmen, damit es gar nicht erst zu den dokumentierten Leistungsunterschieden kommt. Und damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Die Leistungen sollten nach oben angeglichen werden.

          Ulrich Trautwein ist Professor für Empirische Bildungsforschung an der Eberhard Karls Universität Tübingen, Marko Neumann arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Erziehungswissenschaft und Bildungssysteme am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

          Weitere Themen

          Ruhrkessel schließt sich

          Die letzten Kriegswochen : Ruhrkessel schließt sich

          Die beiden Stoßkeile der Alliierten treffen sich in Lippstadt. Damit sitzen 300.000 deutsche Soldaten fest. Für ihren Oberbefehlshaber kommt eine Kapitulation nicht in Frage. Der 1. April 1945 in der F.A.Z.-Chronik.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.