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„Bil“-Schulen in Deutschland : Gebildet, höflich, muslimisch

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In der Schule selbst soll außer besserer Förderung - gelernt wird sogar in den Ferien - nichts anders sein als an einer staatlichen Schule. Türkisch wird nur zwei Stunden in der Woche unterrichtet, statt islamischen Religionsunterrichts gibt es „Ethik“. Akin weiß um die Signalwirkung dieses Angebots - er ist stellvertretender Vorsitzender des CDU-Ortsverbands Stuttgart-Stammheim. In der Kommunalpolitik lernte er auch Manfred Ehringer kennen. Akin überzeugte den früheren Direktor des Stuttgarter Schulamts von seinen Privatschulplänen. Dafür bekam Ehringer Schelte von seinen früheren Kollegen: „Du verrätst das deutsche Schulsystem.“ Heute ist Ehringer 81 Jahre alt und ehrenamtlicher „pädagogischer Leiter“ der „Bil“-Schule. Für Akin ist Ehringer Gold wert: Er sorgte dafür, dass die Schule die staatliche Anerkennung erhielt. Auch andere Gülen-Schulen machen sich die Erfahrung pensionierter deutscher Studiendirektoren zunutze.

Die Stuttgarter Schule ist derzeit das ambitionierteste Bauprojekt einer türkischen Privatschule in Deutschland. In Spandau hat gerade ein Gülen-naher Verein ein 84 000 Quadratmeter großes Gelände gekauft, um dort seine schon bestehenden Schulen zu einem „Bildungscampus“ von der Kita bis zum Abitur auszubauen. Bei der Einweihungsfeier der „Bil“-Schule im Januar lobte der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Schuster, dass Migrantenkinder an der „Bil“-Schule erfolgreicher seien als an staatlichen Schulen. Sie leiste damit einen wichtigen Beitrag zur Integration. Ähnlich klangen die Reden von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und des grünen Bundesvorsitzenden Cem Özdemir. Der Trägerverein ist bestens vernetzt: Der Oberbürgermeister von Istanbul kam zur Eröffnung, sogar der türkische Staatspräsident Abdullah Gül war schon zu Gast. Nur die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) schlug die Einladung aus. Sie sehe die Organisation skeptisch, hieß es aus ihrem Haus. Zwar verschließe sie sich dem Dialog mit Gülen-nahen Institutionen nicht. Doch sie verlange, dass die Bewegung transparent mit ihren Strukturen und ihren Finanzen umgehe.

Beim Integrationsbeitrag der Schule, den Schuster so lobte, liegt allerdings ein Missverständnis vor. Akin sagt freimütig: „Unser wichtigstes Ziel ist nicht die Integration türkischer Schüler in die deutsche Gesellschaft. Wir wollen, dass Schüler mit türkischer Herkunft zu den gleichen Abschlüssen kommen wie deutsche Schüler. Integration ist dann vielleicht ein Nebeneffekt.“ Der Stuttgarter Integrationsbeauftragte sieht das gelassen: Die Schülerschaft einer katholischen Privatschule sei auch kaum durchmischt. Im Übrigen: „Jahrelang haben wir den Migrantenverbänden gesagt, sie sollten sich engagieren, anstatt sich zu beklagen, und zwar nicht beim Folkloretanz, sondern in der Bildung. Da können wir nun nicht meckern, wenn sie es tun.“

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