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„Bil“-Schulen in Deutschland : Gebildet, höflich, muslimisch

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Weltweit soll die Bewegung Fethullah Gülens acht bis zehn Millionen Anhänger haben. Nachdem ihr Hocaefendi (“verehrter Lehrer“) sie aufforderte, Schulen zu bauen statt Moscheen, errichteten sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwa 1000 Lehranstalten - auf dem Balkan, in Pakistan, im Nordirak, in Kambodscha, Thailand, Afrika und besonders in den turksprachigen früheren Sowjetrepubliken. Letzteres gilt als Ausdruck von Gülens großtürkischer, nationalistischer Gesinnung. Die Heimat zu verlassen, andernorts für die Ausbreitung des Islams zu sorgen, sich in den „Dienst für die Sache Gottes“ (“hizmet“) zu stellen, dabei effizient zu sein und dennoch demütig zu bleiben - das ist das Ethos der Bewegung. Gülen-Anhänger sind in der Regel freundliche, gebildete, arbeitsame Menschen. Sie sind offen und auskunftsfreudig - bis zu dem Punkt, an dem man detailliert nach den Finanziers eines Projektes oder den Strukturen der ganzen Bewegung fragt.

350 Schüler ziehen in den Neubau

Ambivalent wie ihr Führer ist auch die Bewegung selbst: scheinbar transparent und doch intransparent. Angeblich habe keine Schule mit der anderen zu tun. Und doch arbeiten alle auf die gleiche Weise und nehmen an den gleichen, vom Dachverband der Nachhilfevereine organisierten Wettbewerben teil. Die Bewegung habe angeblich keine Führungsstruktur. Und doch können ihre Anhänger wie ferngesteuert handeln. So waren sie in der Lage, eine Umfrage der Zeitschrift „Foreign Policy“ durch Massen-Klicks zu kapern, so dass ihr Prediger - außerhalb der Türkei nahezu unbekannt - zum „führenden Intellektuellen unserer Zeit“ gekürt wurde.

In Deutschland treffen die Schulen der Gülen-Bewegung auf großes Interesse der Kommunalpolitik. In Köln etwa förderte der frühere Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) die Gründung des „Dialog“-Gymnasiums im Stadtteil Buchheim. In Stuttgart unterstützte der frühere Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) von Anfang an den Plan, ein Privatschule zu gründen. 2004 gründete der „Bildungs- und Erziehungsverein Baden-Württemberg e.V.“ die Schule, damals noch in einem heruntergekommenen Bürogebäude im Industriegebiet. Anfangs lernten dort nur 18 Kinder. Die ersten sieben Abiturienten machten im vergangenen Jahr ihr Abitur. Ihr selbstgestaltetes Gemälde hängt nun im Neubau: Die fröhlichen Absolventen sitzen in einem kleinen Kahn auf hoher See. Nun müssen sie sich in der stürmischen Welt außerhalb der ethnischen Nische, die die Schule auch ist, zurechtfinden.

In der vergangenen Woche sind 350 Schüler in den exklusiven Neubau eingezogen. Er kostete 26 Millionen Euro und wurde überwiegend durch Kredite finanziert. Das Grundstück stellte die Stadt in Erbpacht zur Verfügung, etwa ein Fünftel der Kosten trägt die öffentliche Hand. Der Trägerverein, der 1700 Mitglieder zählt, sammelte Spenden in Höhe von zwei Millionen Euro. Den Rest muss der Verein binnen 30 Jahren abtragen. Kleine Klassen und individueller Förderunterricht sind den Eltern 260 Euro im Monat wert.

Stuttgarter Oberbürgermeister Schuster lobt „Bil“-Schule

“Türken-Gymnasium“ heißt die Stuttgarter Schule im Volksmund. Das ärgert Akin. Er hätte gerne mehr deutsche Schüler, aber die melden sich nicht an. Der Geschäftsführer hat schon eine neue Idee: Die Stadt Stuttgart will den Mangel an Krippenplätzen beheben. Deshalb soll der Schulträger-Verein im Altbau der Schule einen Kindergarten einrichten. Akin würde dort lieber eine Grundschule gründen, um den Eltern eine Privatschul-Laufbahn aus einem Guss anzubieten. Jetzt arbeitet er daran, beides zu realisieren. Über die Kita, in die deutsche Eltern ihre Kinder aus Mangel an Alternativen bringen würden, hofft er auf ein gemischteres Publikum. Das scheint für die Entwicklung seiner Schüler dringend nötig. So sagt zum Beispiel die 15 Jahre alte Neuntklässlerin Beyza Özkalp, dass sie fast nur türkische Freunde habe: „Unsere Deutschlehrerin meint, man merke es unserer Sprache schon an, dass wir wenig mit Muttersprachlern zu tun haben.“

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