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„Bil“-Schulen in Deutschland : Gebildet, höflich, muslimisch

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Der 71 Jahre alte Gülen stammt aus Anatolien, wo er den traditionellen, sufistisch geprägten Volksislam kennenlernte. Selbst hat er nur die Grundschule und Koranschulen besucht. Gülen war Imam in staatlichen Moscheen, später baute er als freier Prediger ein großes Schülernetz auf. Seine Predigten wurden über Audio- und Videokassetten verbreitet. Heute versorgt er seine Anhänger über das Internet und die konservative türkische Tageszeitung „Zaman“ mit seinen Botschaften. Die 1986 gegründete „Zaman“ ist die auflagenstärkste Tageszeitung in der Türkei, auch ihr Deutschland-Geschäft brummt. Gülen fordert seine Anhänger auf, als Unternehmer tätig zu werden. Einen Teil ihrer Einkünfte sollen sie dann spenden. Sie sollen sich in den Medien, in der Bildung und im interreligiösen Dialog engagieren. Gülen selbst besuchte Papst Johannes Paul II., den orthodoxen Patriarchen von Istanbul sowie jüdische Organisationen.

Doch für so friedfertig, wie sich der Prediger darstellt, halten ihn nicht alle seiner Landsleute. In der Türkei wurde Gülen mehrmals verhaftet, da er laizistischen Kräften in der Justiz suspekt ist. Vermutlich aus Angst vor Strafverfolgung, offiziell aber wegen einer Krankheit lebt Gülen heute im selbst gewählten Exil in einem ländlichen Refugium im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania, das eine Stiftung ihm nahestehender Unternehmer errichtet hat. In der Türkei betreiben Unternehmen, die seiner Bewegung angehören, allerdings moderne Krankenhäuser, in denen eine umfassende medizinische Versorgung möglich wäre. Kemalistische Kritiker werfen Gülen vor, die Türkische Republik durch einen islamischen Staat ersetzen zu wollen. Über Videomitschnitte wurde 1999 eine Rede von Gülen bekannt, in der er seine Anhänger aufforderte, nach und nach Schaltstellen im Justiz- und Innenministerium zu besetzen, sich aber so lange bedeckt zu halten, bis „die Macht in sämtlichen Verfassungsorganen“ erreicht sei.

Gülens Anhänger bauen 1000 Moscheen

In Deutschland halten Kritiker Gülen vor, dass er die Demokratie als eine lediglich vom Menschen geschaffene Staatsform ansehe, die als Übergang zum Gottesstaat dienen solle. Den Westen halte er für dekadent, materialistisch und moralisch minderwertig, daher benötige er die Werte des Islams. Die Evolutionstheorie Darwins lehne er ab, den Abfall vom Glauben halte er für ein schwereres Verbrechen als Mord. Außerdem setze sich die Bewegung nur für die aufstrebende türkische Mittelschicht, nicht aber für die Unterschicht ein. Der Dialogbeauftragte eines katholischen Bistums moniert, dass Gülen-Anhänger niemals auf einem Podium neben anderen muslimischen Repräsentanten Platz nähmen, sondern einen Alleinvertretungsanspruch reklamierten. Frauen halte der Prediger für weniger vertrauenswürdig als Männer, deshalb komme ihnen auch nur eine mindere Rolle zu.

Tatsächlich sind an den Schulen Mädchen in der Minderheit. Möglicherweise sind Söhne den Eltern eher das Schulgeld wert. Etwa die Hälfte der Mädchen trägt Kopftuch. Eine deutsche Lehrerin, die an einer Schule der Bewegung in Würzburg unterrichtet hat, meint, dass es sehr unterschiedliche Motive gebe, Söhne oder Töchter an die Privatschule zu schicken. Während es bei den Jungen eher um den guten Abschluss und die Befähigung zu einem Studium gehe, sei den Eltern der Mädchen vor allem daran gelegen, sie in einem geschützten islamischen Umfeld - ohne deutsche Jungen - aufwachsen zu lassen. An der „Bil“-Schule gab es bei einer Klassenfahrt einen Vorfall, der die engen Moralvorstellungen der muslimischen Eltern illustriert: Ein Junge legte einem Mädchen seinen Arm auf die Schulter, Mitschüler fotografierten die Szene mit dem Handy, das Bild gelangte nach Hause. Die Elternschaft war empört; man beschwerte sich bei der Geschäftsführung. Die nächste Klassenfahrt sollte dann mit getrennten Bussen und getrennten Unterkünften in verschiedenen Stadtteilen Istanbuls stattfinden. Am Ende wurde sie abgesagt, weil sich das Ganze nicht organisieren ließ. Bereits gebuchte Flüge verfielen.

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