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Biermanns Brief : Wutausbruch gegen den antifaschistischen Schutzwall

In seinem wütenden Brief an die Erfurter reißt Wolf Biermann den antifaschistischen Schutzwall ein, den die Linkspartei um sich herum aufbauen will. SPD und Grüne sind dazu nicht in der Lage.

          Es gab viel Lob für den Auftritt Wolf Biermanns im Bundestag, als dort des Mauerfalls vor 25 Jahren gedacht wurde und der Liedermacher mehr sagte, als er singen konnte. Das Lob wurde dafür ausgesprochen, dass der Linkspartei vor aller Welt ordentlich eingeschenkt wurde. Es gab aber auch Kritik. Die Kritik erinnerte daran, dass Biermann doch selbst einmal zu den linkesten Linken gehört habe. Und das wollte er jetzt vergessen machen?

          Der Brief an die Erfurter, in dem Biermann erklärt, warum er an der Demonstration gegen die Wahl Bodo Ramelows zum Ministerpräsidenten nicht teilnehmen will, liest sich wie eine nachgereichte, ausgefeilte Rechtfertigung. Es ist ein Text, der durch Mark und Bein geht. (Hier können Sie den Brief im Wortlaut lesen.)

          Weder Lob noch Kritik treffen eigentlich ins Schwarze. Denn der Auftritt im Bundestag und erst recht dieser Brief ist ein Wutausbruch darüber, dass an der Linkspartei offenbar abprallt, was an allen anderen Nachfolgern totalitärer Regime nicht abprallen könnte. Ausdrücklich loben muss das nur, wer sich bislang nicht traute, darauf aufmerksam zu machen. Und kritisieren ist unfair. Was soll Biermann tun? Lieber schweigen?

          Auf der falschen Seite der Geschichte

          Biermann weiß natürlich, dass dieser Brief weit mächtiger ist als alles, was er im Bundestag gesagt hat und was er heute Abend vor dem Thüringer Landtag sagen könnte. Mächtiger als sein Auftritt im Bundestag, weil er dieses Mal auch die SPD und die Grünen nicht verschont. Die mussten allerdings, wenn sie ehrlich sind, schon im Bundestag peinlich berührt gewesen sein. Denn stellen sie sich nicht gerade dorthin, wo sie nie stehen wollten: auf die falsche Seite der Geschichte?

          Die Rollen sind seltsam verteilt: Früher waren es die Linken, die sich nicht damit abfinden wollten, wie sanft mit der Vergangenheit und deren Protagonisten umgegangen wird. Heute sind es die Linken, die genau das wollen, den sanften Abschied von einer dunklen Vorgeschichte. Biermann lässt sich aber nicht auf den historischen Kompromiss ein, den die Linkspartei der SPD und den Grünen aufgezwungen hat. Der besagt, dass die eine deutsche Vergangenheit nicht mit der anderen deutschen Vergangenheit gleichgesetzt werden dürfe, DDR-Deutschland nicht mit Nazi-Deutschland.

          Kümmerlicher Rest aus Altkadern und Junglinken

          Das bedeutet aber für die Sprachregelung des Alltags: Wer allzu sehr gegen die SED-Vergangenheit der Linkspartei agitiert, relativiert den „Unrechtsstaat“ und die totalitäre Vergangenheit, die der DDR vorausgegangen sind. Ein ziemlich zynisches Spiel, aber wirkungsvoll. Es erklärt, warum Kritik an der Linkspartei wie an einem antifaschistischen Schutzwall abprallt.

          Biermann ist so sprachmächtig, dass er sich darauf nicht einlassen muss. Zugegeben: So zu reagieren, dazu hätte es in den vergangenen 25 Jahren angesichts der einen oder anderen rot-roten Regierungsbildung schon reichlich Gelegenheit gegeben. Aber besser spät als nie: Biermann misst die Ansprüche der Linkspartei an der Wirklichkeit, die ihre Vorläufer geschaffen hatten. Dann bleibt eigentlich nichts mehr übrig als ein kümmerlicher Rest, eben der „elende Rest“, von dem er im Bundestag sprach – egal, ob nun Altkader oder Junglinke.

          SPD und Grüne werden auf diesen Brief eine Antwort finden müssen. Sonst sieht es so aus, als seien sie nicht in der Lage, Biermann beim Versuch zu folgen, den antifaschistischen Schutzwall noch einmal zu überwinden.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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