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Rennen um SPD-Parteivorsitz : Mit Leidenschaft und wenig Redezeit

Wer sich kurz fasst, ist im Vorteil: Norbert Walter-Borjans, Saskia Eskenduring, Nina Scheer, Karl Lauterbach, Karl-Heinz Brunner, Petra Koepping and Boris Pistorius am Mittwoch in Saarbrücken Bild: EPA

Der Wettstreit um die SPD-Spitze ist in die heiße Phase eingetreten: Zum ersten Mal trafen sich die 17 Kandidaten für den Parteivorsitz vor einem prall gefüllten Publikum. Für eine Überraschung sorgte das Bewerberduo Lange/Ahrens.

          3 Min.

          Die erste Station der langen Reise führt in den südwestlichen Zipfel der Republik nach Saarbrücken. Dort traten am Mittwochabend zum ersten Mal 17 Kandidatinnen und Kandidaten für den Parteivorsitz der SPD bei einer Veranstaltung für Parteimitglieder und interessierte Bürger auf. Der Saal war bis zum letzten Platz gefüllt, mehr als 600 waren gekommen.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Zweieinhalb Stunden erklärten acht Bewerber-Paare und ein Einzelkandidat aus Bayern jeweils in aller Kürze, warum gerade sie es sein sollen, die Deutschlands angeschlagene Sozialdemokratie führen und das Land mitregieren sollen. Dabei wurden vor einem überaus freundlichen und fairen Publikum an der Saar große Reden geschwungen, mit Leidenschaft für die SPD geworben – und natürlich für die Bewerber selbst.

          Den Anfang machten, das Los hatte es bestimmt, Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Sie stellte ihn vor und er sie. Das war schon mal ein hübscher Kniff. Olaf Scholz hatte sich auch etwas einfallen lassen, indem er sagte, er sei von Beruf nicht Finanzminister sondern Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Arbeitsrecht. Die meisten Paare teilten sich die Redezeit, beim Paar Lauterbach/Scheer nahm der Mann drei Fünftel der Zeit für sich in Anspruch und machte so auch etwas klar. Dass die kurz vor Schluss der ersten Runde sprechende Gesine Schwan sich da nichts gefallen lässt, machte sie ihrem Partner Ralf Stegner klar, als dieser sich seinem Zeitlimit von zweieinhalb Minuten näherte. Sie zupfte ihn energisch am Ärmel.

          Zu wenig Zeit für Leidenschaft?

          Die Hauptthemen an diesem Abend waren: Mehr Sozialdemokratie wagen, mehr ins Soziale investieren, Wohlhabende stärker zur Kasse bitten, ökologischer werden. Alle sprachen darüber, warum sie zur SPD gekommen sind und wie sie sich ihre Partei vorstellen: klarer, loyaler, fröhlicher, selbstbewusster. Die erste richtige Überraschung des Abends boten die beiden Oberbürgermeister im Felde der Bewerber, Simone Lange aus Flensburg und Alexander Ahrens aus Bautzen. Sie warben für das Soziale in der Partei und erklärten dann, dass sie ihre Kandidatur zugunsten von Norbert Walter-Borjans und Saskia Eskens zurückziehen würden. Das brachte ihnen viel Beifall.

          Nach Kurzvorstellungen wurden Fragen beantwortet, auch leicht kontrovers diskutiert. Dann kam das Publikum zu Wort. Eine weithin sichtbare Digitaluhr teilte mit, wie schnell eine Redeminute verrinnt. Gesine Schwan bat gleich zu Beginn ihrer Vorstellung darum, man möge auf Beifall verzichten, das gehe von ihrer knappen Redezeit ab. Sie bekam dafür: Beifall.

          Verzichten auf ihre Kandidatur: Alexander Ahrens, Oberbürgermeister von Bautzen, und Simone Lange, Oberbürgermeisterin von Flensburg
          Verzichten auf ihre Kandidatur: Alexander Ahrens, Oberbürgermeister von Bautzen, und Simone Lange, Oberbürgermeisterin von Flensburg : Bild: dpa

          Während die kommissarische Parteivorsitzende Manuela Schwesig, die selbst nicht am Wettbewerb teilnimmt, das Auswahlverfahren noch als zumutbar und als „erst der Anfang eines Marathons“ verteidigte, regte sich unter den Nominierten auch Kritik. Ein Professor im Kandidatenteam, Karl Lauterbach, hatte ausgerechnet, dass jedem Paar nur zwischen neun Minuten und neun Minuten 20 Sekunden Redezeit zukämen. Das reiche nicht. Wie glaubwürdig oder leidenschaftlich ein Kandidat sei, lasse sich in so kurzer Zeit nicht feststellen.

          Noch viele Stationen werden folgen

          Doch der Verlauf des Abends bewies: Da lag er falsch. Lauterbach selbst gehörte im Bewerberfeld zu den durchaus explosiven Diskutanten. Andere versuchten mit Demutsgesten, großer Erfahrung, theoretischem Durchblick oder der NoGroKo-Parole Eindruck zu machen. Die sozialdemokratische Pilgerfahrt zum neuen Vorsitz nahm ihren Ausgang in nahezu maximaler Entfernung zur Hauptstadt Berlin, 720 Kilometer sind es bis dorthin.

          Aber dafür in einer traditionsreichen Stadt, wo mit Oskar Lafontaine ein früherer SPD-Kommunalpolitiker, Landesvater und Finanzminister seine Heimat hat. Das Stichwort Lafontaine erinnerte allerdings auch an seine West-Abspaltung von der SPD und an eine Station beim bisherigen Niedergang der Sozialdemokraten. Dass es im Saarland weiterhin Politiker von Rang gibt, kann mit Verweis auf die amtierenden Bundesminister Altmaier, Maas und Kramp-Karrenbauer behauptet werden. Nirgends sind statistisch mehr Bürgerinnen und Bürger in der SPD – 18.000 insgesamt bei knapp einer Million Einwohner.

          Die saarländische Landesvorsitzende Anke Rehlinger bewies, dass auch herzliche Gastfreundschaft zum Saarland dazugehört und lud die daheim ganz andere Umgangsformen gewohnten Berliner vor der Veranstaltung zu Kaffee und Kuchen an die Saar. Nach dem ersten Diskussionsabend wollten nur ausgemachte Wettprofis auf den Ausgang des Gesamtverfahrens setzten. Es ist ja auch noch viel Zeit.

          Die lange Reise des oder der künftigen Vorsitzenden, die an Ort und Stelle mit dem historischen Langen Marsch des Großen Vorsitzenden verglichen wurde, hat noch viele Stationen voller sozialdemokratischer Historie. Als Nächstes zieht die Bewerber-Karawane an diesem Freitag nach Hannover. Dort hatte ein politischer Raufbold, späterer Ministerpräsident und Bundeskanzler seine Heimat. Sein Name – Gerhard Schröder – gemahnt zum Leidwesen auch schon wieder an Erfolg und Niedergang. Zu Bernburg an der Saale (7. September) und Bremen (8. September) gibt es sicher auch Sozialdemokratisches. Ob eines Tages in der Parteigeschichte an die Schlacht bei Friedberg (9. September 2019) erinnert wird, steht noch dahin.

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