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Prozess gegen Islamistin : Nicht ohne ihre Töchter

Die Angeklagte Andrea B. wird am 25.Februar 2015 in München von Polizeibeamten an ihren Platz auf der Anklagebank geführt. Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau, die erst 2012 zum Islam konvertiert war, die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor. Bild: dpa

Eine junge Frau zieht mit ihren kleinen Kindern aus dem Allgäu in den Dschihad nach Syrien. Nach ihrer Rückkehr wird sie verhaftet - und nun zu einer Strafe auf Bewährung verurteilt.

          Selbstsicher blickt Andrea B. die Fotografen an, als sie von dem Justizwachtmeister an Handschellen in den Münchener Gerichtssaal geführt wird. Sie muss sich wegen der Vorbereitung einer „schweren staatsgefährdenden Straftat“ und wegen Kindesentzugs vor Gericht verantworten, weil sie mit ihren beiden kleinen Töchtern aus Immenstadt im Allgäu nach Syrien ging, um sich dem Dschihad anzuschließen. Seit neun Monaten ist sie zurück in Deutschland, seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Andrea B. wird 1985 in Halle geboren und zieht noch als Kind mit ihrer Mutter nach Immenstadt im Allgäu. Sie macht eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau und lebt offenbar ein normales Leben. Mit ihrem türkischen Lebensgefährten bekommt sie zwei Töchter, doch die Beziehung hält nicht lange. Irgendwann kommt sie – offenbar über ein befreundetes Paar – in Kontakt mit dem Islam. Bald beschäftigt sie sich intensiv mit der Religion. Sie fängt an, einen Schleier zu tragen. 2012 konvertiert sie. Erst wenige Jahre zuvor noch hatte sie sich katholisch taufen lassen.

          Über das Internet kommt Andrea B. dann in Kontakt mit Gleichgesinnten, die bereits in den Dschihad nach Syrien gezogen sind. Eine Frau aus Frankfurt berichtet ihr in Chats von ihrem neuen Leben in einem Haus nahe Aleppo. Ihr Mann, schreibt die Frau, habe sich der Al-Nusra-Front angeschlossen. Auch B. will den letzten Schritt machen und nach Syrien gehen. Die Frau aus Frankfurt schlägt ihr vor, nach islamischem Recht die „Zweitfrau“ ihres Ehemannes zu werden, dann könne auch sie unter den Dschihadisten in Syrien leben.

          „... niemand hat etwas getan“

          Sie willigt ein, räumt die Wohnung in Immenstadt und nimmt die Kinder von Schule. Am 2. Januar 2014, kurz vor ihrem 29. Geburtstag, fliegt Andrea B. mit ihren beiden Töchtern von München über Istanbul ins türkische Hatay nahe der syrischen Grenze. Der Vater der Kinder, der nichts von den Reiseplänen wusste, wendet sich an die Polizei. Das Ehepaar aus Frankfurt hat bereits die Schleuser organisiert, die B. und die Mädchen über die Grenze schaffen.

          Im Prozess in München erzählt Andrea B. die Geschehnisse aus ihrer Sicht. Es sei ihr darum gegangen, zu helfen, betont sie immer wieder. Im Sommer 2013 habe sie angefangen, die Nachrichten aus Ägypten zu verfolgen. Die Massaker der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten der Muslimbrüder hätten sie damals tief erschüttert. Auch, dass in Burma reihenweise Muslime getötet wurden und Assad in Syrien Giftgas gegen Kinder einsetzte. „In Syrien war schon so lange Krieg, und niemand hat etwas getan.“

          Sie habe den Entschluss gefasst, dorthin zu gehen und Hilfe zu leisten, sagt B. Vor Ort sei sie mit den anderen Frauen für die Verteilung von Hilfsgütern zuständig gewesen. Regelmäßig seien Spendenladungen gekommen, vor allem aus Deutschland. Medizinisches Gerät, Kleidung, Decken, meist in alten Krankenwagen.

          In Syrien lebte sie mit ihren Töchtern im Haus ihrer neuen Familie. Dass ihr neuer „Ehemann“ zu Al Nusra gehörte, einer aus Al Qaida hervorgegangenen Miliz im syrischen Bürgerkrieg, habe sie erst vor Ort erfahren, sagt B. Das habe sie dann so in Kauf genommen. „Mir war wichtiger, dass wir gemeinsam gegen Assad kämpfen.“ Doch schon am zweiten Tag stellte sich heraus, dass die Milizen immer mehr gegeneinander statt gegen den gemeinsamen Feind kämpfen. Der „Islamische Staat“ (IS) wandte sich gegen die Freie Syrische Armee und Al Nusra. Der Bürgerkrieg wurde heftiger, jeder kämpfte nun gegen jeden. Bald muss der Familienverband sein Haus verlassen und mehrmals umziehen, der IS stand vor der Tür – eines Nachts wird die Nachbarsfamilie ermordet.

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