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Bewährungsstrafe für Ex-Agent : Rabatt für Werner Mauss

Stets verdeckt unterwegs: Der frühere Geheimagent und Privatdetektiv Werner Mauss am 5. Oktober vor der Urteilsverkündung im Landgericht Bochum. Bild: dpa

Der legendäre Geheimagent hat nach Überzeugung des Bochumer Landgerichts Steuern in Millionenhöhe hinterzogen – ins Gefängnis muss Mauss trotzdem nicht.

          Werner Mauss ist nun auch für das Landgericht Bochum ein überführter Steuerhinterzieher. Über Jahre hinweg hat der legendäre Privatagent nach Überzeugung der Richter den Fiskus um Millionen geprellt. Und doch nimmt das Verfahren nach mehr als einem Jahr Hauptverhandlung am Donnerstagmorgen bei der Urteilsverkündung noch einmal eine spektakuläre Wende. Denn der 77 Jahre alte Mauss, den manche Medien als deutschen James Bond beschrieben, kommt erstaunlich glimpflich davon: Die Haftstrafe von zwei Jahren setzt das Gericht zur Bewährung aus, zudem ordnete das Gericht die Zahlung von 200.000 Euro an zwei wohltätige Organisationen an. Eine Bewährung für das Hinterziehen von Steuern in Höhe von mehr als 13 Millionen Euro? Der Vorsitzende Richter weiß, dass das einer Erklärung bedarf.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Also holt Markus van den Hövel weit aus. Im ersten Teil seiner Urteilsbegründung klingt der Richter noch beinahe wie die Anklage. Die Staatsanwaltschaft war nach vier Jahre währenden Ermittlungen von Spezialisten der Steuerfahndung zur Überzeugung gelangt, dass Mauss mehrere seiner Tarnidentitäten nutzte, um ein kunstvolles Geflecht von Stiftungen, Nummernkonten und Versicherungen zunächst in Südamerika und später in Luxemburg aufzubauen. Sein Handeln sei in einem „besonders anstößigen und überdurchschnittlichen Maße“ von seinen wirtschaftlichen und steuerlichen Vorteilen geprägt gewesen, so die Staatsanwaltschaft, die deshalb sechs Jahre und drei Jahre Haft gefordert hatte. Auch für van den Hövels Kammer steht fest, dass es sich bei dem Geld - nicht wie von Mauss behauptet - um einen Fonds handelt, der für ihn vor mehr als drei Jahrzehnten von einem Geheimbund mehrerer Staaten namens „Westliche Sicherheitsbehörden“ eingerichtet wurde, damit Mauss unbürokratisch und in den Kampf gegen den internationalen Terror und Verbrechen treten könne. Das Gericht schließt sich also nicht Mauss‘ spannender Geheimbund-Geschichte, sondern der profanen Steuerhinterziehungs-These an.

          Gericht würdigt „große Lebensleistung“

          Ganz andere Wege als die Anklage geht die Kammer aber bei der Strafzumessung. Van den Hövel sieht Anlass zu einer atemberaubenden Minderungskaskade. Es beginnt schon damit, dass das Gericht die mehr als 13 Millionen Euro Steuerschuld nur als „nominellen“ Wert bezeichnet. Hätte Mauss seine Kapitalerträge ordnungsgemäß in seinen Steuererklärungen angegeben, hätte er nämlich seine erheblichen Aufwendungen als Geheimagent geltend machen können, so der Richter. „Und damit hätte sich die Steuerschuld auf zwei bis 3,5 Millionen Euro reduziert.“ In einigen der in Rede stehenden Jahre hätte Mauss bei ordnungsgemäßer Deklaration nach Berechnungen der Kammer überhaupt keine Steuern zahlen müssen. So gesehen habe der Fiskus einen besseren Schnitt gemacht, weil Mauss – obwohl er bis heute bestreitet, jemals Steuern hinterzogen zu haben – im Laufe des Verfahrens die etwas mehr als 13 Millionen Euro an das für ihn zuständige Finanzamt Essen überwiesen hat. Das sei ebenso strafmindernd zu berücksichtigen wie das hohe Alter des Angeklagten und die daraus folgende Strafempfindlichkeit sowie die lange Dauer des Ermittlungs- und Gerichtsverfahrens, das den Angeklagten „sichtlich belastet“ habe. Obendrein sei Mauss nicht vorbestraft und habe eine große Lebensleistung vorzuweisen. Richter van den Hövel scheint an dieser Stelle seiner Darlegungen ein bisschen ins Schwärmen zu geraten. „Der Lebenslauf von Herrn Mauss ist tadellos. Er hat immer versucht, das Verbrechen zu bekämpfen und nicht, Verbrechen zu begehen.“

          Tatsächlich hat es Mauss immer verstanden, sich als Kämpfer gegen das Böse darzustellen. Der 1940 in Essen geborene Werner Mauss, der in jungen Jahren als Hilfsjournalist und Staubsaugervertreter arbeitete und sich nach einer Lehre als Landwirt zum Kriminalsachverständigen und Detektiv umschulen ließ, wird mit vielen atemberaubendem Fällen der vergangenen Jahrzehnte in Verbindung gebracht. Mauss soll an der Festnahme eines RAF-Terroristen und an der Freilassung deutscher Geiseln im Libanon und in Südamerika beteiligt gewesen sein. Auch daran erinnert Richter van den Hövel am Donnerstag, als er um Akzeptanz für das milde Urteil wirbt. „Stellen Sie sich vor, sie hatten einen engen Angehörigen, der im Dschungel entführt wurde, was einem Todesurteil gleichkam. Und dann kam Herr Maus und hat diese Leute herausgezogen.“ Noch einmal würdigt der Richter die „große Lebensleistung“ des Angeklagten.

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