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Beutekunst : Streit über Ausstellung beigelegt

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Friede, Freude: Kanzlerin Merkel und Präsident Putin Bild: AP

Kanzlerin Merkel und Präsident Putin wollen nun doch gemeinsam eine Ausstellung in Sankt Petersburg eröffnen, in der erstmals auch Beutekunst aus dem Zweiten Weltkrieg gezeigt wird. Das geplante Grußwort Merkels hatte zuvor zu einer heftigen Verstimmung geführt.

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          Versöhnliche Geste: Nachdem der Streit um die Beutekunst ein Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Russlands Präsident Putin belastet hatte, wollen beide nun doch gemeinsam eine Ausstellung in der Eremitage in Sankt Petersburg eröffnen. Das teilten Putin und Frau Merkel am Freitagnachmittag mit. Am Morgen war der Termin geplatzt, weil sich die deutsche und die russische Seite nicht auf den Ablauf des Besuchs verständigen konnten.

          Die geplante gemeinsame Eröffnung der Bronzezeit-Ausstellung, in der erstmals auch Stücke gezeigt werden sollen, die sowjetische Soldaten im Zweiten Weltkrieg aus Deutschland wegtransportiert haben, war nach Angaben der Bundesregierung abgesagt wordent, weil die russische Seite keine Grußworte von Frau Merkel und Putin mehr zulassen wollte. In ihrer kurzen Rede hatte die Kanzlerin die deutsche Position noch einmal deutlich machen wollen, nach der die Kunstwerke an Deutschland zurückgegeben werden müssten.

          Der Streit ließ den eigentlichen Anlass der Reise Frau Merkels in den Hintergrund treten. So wollte die Kanzlerin auf dem Internationalen Wirtschaftsforum Russland deutsche Unterstützung bei der Modernisierung der Wirtschaft anbieten. Zugleich pochte sie auf verlässlichere rechtliche Rahmenbedingungen, damit sich auch mittelständische deutsche Firmen stärker in Russland engagieren könnten.

          „Mit dem Blut unserer Soldaten bezahlt“

          Der Streit um die von der damaligen sowjetischen Armee aus Deutschland erbeuteten Kunstgegenstände schwelt seit Jahrzehnten. Russland hatte 1998 ein Gesetz beschlossen, das die im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten Kunstwerke, Bücher und Akten als russisches Staatseigentum bezeichnet. Russland argumentiert, dass die Schätze mit dem Blut seiner Soldaten bezahlt worden seien. Deutschland hält dieses Gesetz aber für völkerrechtswidrig. Nach Angaben der Bundesregierung geht es um mehr als eine Million Kunstobjekte, 3,5 Millionen Bücher und drei Regalkilometer Archivmaterial.

          Seit 2004 gibt es vier bilaterale Arbeitsgruppen, die zunächst die Fällen klären sollen, in denen einzelne sowjetische Soldaten Gegenstände im besetzten Deutschland entwendet hatten, Kirchen geplündert oder Opfer des NS-Regimes bestohlen wurden. Andererseits erhebt die Regierung in Moskau auch Anspruch auf russische Ikonen und andere Kunstgegenstände, die deutsche Soldaten einst entwendet haben sollen.

          Eigentlich sollten die Ausstellung in Sankt Petersburg und der gemeinsame Besuch ein Zeichen sein, dass beide Länder mit dem Thema unverkrampfter umgehen wollten. In der Bundesregierung hieß es, dass Merkel deshalb in dem Grußwort die Ausstellung auch hatte loben wollen. „Sie hätte (zudem) versucht, das ein bisschen einzuordnen und hätte vielleicht den deutschen Standpunkt zum Thema ’Beutekunst’ noch einmal erwähnt“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter in Berlin.

          Die deutsch-russischen Beziehungen sind - trotz boomender Handelszahlen von mehr als 80 Milliarden Euro im vergangenen Jahr - seit einiger Zeit von Differenzen geprägt. Unter anderen gibt es unterschiedliche Positionen zum Syrien-Konflikt. Auch das russische Vorgehen gegen ausländische Stiftungen wie die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hatte für Verstimmung gesorgt.

          Stichwort: Beutekunst

          Unter Beutekunst versteht man Kulturgüter, die Staaten oder Privateigentümern kriegsbedingt abhanden gekommen sind. Der Begriff steht heute vor allem für Kunstwerken aus Deutschland, die im Zuge des Zweiten Weltkriegs verschleppt wurden. Damals transportierten die siegreichen Alliierten eine unübersehbare Zahl von Kunstschätzen aus Deutschland ab. Auch heute lagern noch viele dieser Kulturgüter in ausländischen Staaten, unter ihnen Russland. Eines von unzähligen Beispielen für Beutekunst ist der sogenannte Schatz des Priamus. Dabei handelt es sich um mehrere tausend Schmuckstücke und Gegenstände, die 1873 von dem deutschen Archäologen Heinrich Schliemann in Troja in der heutigen Nordwest-Türkei gefunden wurden. Schliemann brachte den Schatz nach Berlin, von wo aus er nach dem Zweiten Weltkrieg nach Moskau verschleppt wurde. Vor der Niederlage Im Zweiten Weltkrieg hatte das nationalsozialistische Deutschland im Zuge seiner Eroberungen selbst Kunstraub in großem Stil begangen. Zur Plünderung von Kulturgütern aus jüdischem Besitz war 1940 der sogenannte „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ gegründet worden. Die Kunstwerke, die sich die Nationalsozialisten aneigneten, werden als NS-Raubkunst bezeichnet. (AFP)

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