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Betreuungsbedarf : Ein Krippenplatz für jedes dritte Kind?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

An diesem Montagabend will sich der Kolaitionsausschuss mit der Kleinkindbetreuung befassen. Doch stimmen die Berechnungsgrundlagen, mit denen Familienministerin von der Leyen argumentiert? Manfred Spieker rechnet nach.

          Für jedes dritte Kind, das jünger als drei Jahre ist, soll es bis 2013 ein Betreuungsangebot geben, verkündete Bundesfamilienministerin von der Leyen nach dem „Krippengipfel“ am 2. April. Zu den 250.000 vorhandenen Krippenplätzen sollen also 500.000 neue dazukommen. Strittig scheinen in der Koalition nur noch die Höhe und die Verteilung der Kosten zu sein.

          Niemand scheint die Berechnungen der Familienministerin nachgeprüft zu haben. Niemand konfrontiert ihre Forderungen mit den Geburtenzahlen des Statistischen Bundesamtes einerseits und den Wünschen der betroffenen Mütter andererseits.

          Angebot und Nachfrage

          Nach den vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden 2006 knapp 673.000 Kinder lebend geboren. Im Jahr davor waren es 686.000. Selbst wenn man annimmt, dass die Geburtenrate in Deutschland, die gegenwärtig bei 1,35 liegt, in den kommenden Jahren nicht weiter zurückgeht, wird die Zahl der Geburten dennoch weiter sinken, weil die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter von 15 bis 44 Jahren zurückgeht. Somit wird es 2013 in Deutschland kaum mehr als zwei Millionen Kinder unter drei Jahren geben.

          Geht man des Weiteren davon aus, dass die Kinder bis zu ihrem ersten Geburtstag wegen des Elterngeldgesetzes von ihren Müttern und Vätern zu Hause erzogen werden, bleiben noch gut 1,3 Millionen als Adressaten des Krippenprojekts. Wenn für 35 Prozent von diesen 1,3 Millionen Kindern Krippenplätze zur Verfügung stehen sollen, würden insgesamt nicht mehr als 450.000 Plätze gebraucht.

          Zu den 250.000 vorhandenen müssten also etwa 200.000 neue errichtet werden. Tendiert die Entwicklung der Geburtenziffer aber weiterhin nach unten, dann wird sie nach 2010 eher unter 650.000 liegen. Die Zahl der benötigten neuen Krippenplätze würde sich also weiter vermindern.

          Nicht plausibel

          Die Projektionen der Familienministerin sind deshalb nicht plausibel. Die von ihr geforderten 750.000 Krippenplätze würden eine Deckungsquote von etwa 66 Prozent bedeuten. Zur Erreichung einer Deckungsquote von 35 Prozent würden die im Tagesbetreuungsausbaugesetz vorgesehenen 230.000 neuen Plätze vollkommen ausreichen.

          Die Zahl von 500.000 neuen Krippenplätzen wird nicht einmal dann plausibel, wenn man unterstellt, dass Frau von der Leyen auch die Kinder im ersten Lebensjahr schon in die Krippen holen will - trotz Elterngeldes und zahlreicher Erfahrungen mit den schädlichen Resultaten früher Fremdbetreuung - nicht nur in der DDR und in der Sowjetunion, sondern auch in westlichen Demokratien.

          Subjekt- statt Objektförderung

          Das von-der-Leyensche Krippenprojekt missachtet aber nicht nur die Geburtenzahlen des Statistischen Bundesamtes, sondern auch die Wünsche der Frauen. Gerade einmal 17 Prozent sind nach einer Untersuchung des Ipsos-Instituts vom März 2007 der Meinung, dass die Kinder in einer Krippe am besten aufgehoben seien, während 81 Prozent die Erziehung durch die Eltern für das Beste halten.

          Wäre die Familienpolitik an echter Wahlfreiheit der Eltern interessiert und würde sie die 1000 Euro, die ein Krippenplatz durchschnittlich im Monat kostet, direkt an die Mütter auszahlen, also Subjekt- statt Objektförderung betreiben, dann würden 69 Prozent der Mütter in den ersten drei Jahren zu Hause bleiben und ihr Kind selbst erziehen.

          Familienpolitik als Wirtschaftspolitik

          Würde die Politik im Bündnis mit den Unternehmen darüber hinaus nach mehrjähriger Erziehungspause den Wiedereinstieg in die frühere oder eine neue Erwerbstätigkeit gewährleisten, würden sich 22 Prozent bis zu drei Jahren, 70 Prozent aber bis zu sieben Jahren der Erziehung ihrer Kinder widmen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht gilt dies wie aus der Sicht des Familienministeriums erstaunlicherweise als Verschwendung von „Humankapital“.

          Dabei würde eine derartige Erziehungspause die besten Voraussetzungen für die Bildung des Humanvermögens künftiger Generationen bereitstellen, wenn man denn unter Humanvermögen nicht schlicht die Arbeitskraft, sondern die Gesamtheit der Daseins- und Sozialkompetenzen versteht, die über dem Erwerb von beruflichen Fachkompetenzen stehen. Eine Familienpolitik, die den Wünschen der betroffenen Frauen entgegenkommt, würde langfristig auch die wirtschaftliche Entwicklung begünstigen. Darüber hinaus hätte sie alle Erkenntnisse der Verhaltensbiologie, der Entwicklungspsychologie und neuerdings auch der Hirnforschung auf ihrer Seite.

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