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Besuche bei Trump : Merkels Gereiztheit und Macrons Schadenfreude

  • -Aktualisiert am

„Bromance“: Emmanuel Macron und Donald Trump im Weißen Haus Bild: AFP

Wie die Kanzlerin mit Donald Trump umgeht, ist typisch für die deutsche Außenpolitik: moralisierend, scheinheilig – und vollkommen ineffektiv. Der Franzose Macron hingegen umarmt ihn mit Erfolg. Ein Gastbeitrag.

          In dieser Woche geben sich die führenden Politiker Frankreichs und Deutschlands in Washington die Klinke in die Hand. Am Dienstag ehrte der amerikanische Präsident Donald Trump den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron mit seinem ersten Staatsbankett. Am Freitag trifft er mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel zusammen. Ganz oben auf der Tagesordnung der beiden europäischen Politiker stehen Handelsfragen wie der am 1. Mai auslaufende Aufschub der neuen amerikanischen Zölle auf Stahl und Aluminium für die europäischen Staaten und das Nuklearabkommen mit dem Iran, das die Europäer nach Trumps Aussage bis zum 12. Mai „reparieren“ sollen.

          Aber jenseits aller spezifischen politischen Meinungsverschiedenheiten stellt Trump die beiden wichtigsten kontinentaleuropäischen Mächte vor eine tiefgreifende Herausforderung – auf die Frankreich und Deutschland ganz unterschiedlich reagieren. Die beiden Ansätze, die sich ganz pauschal als französischer Pragmatismus und deutsche Gereiztheit kennzeichnen lassen, sind ausgesprochen typisch für die jeweiligen politischen Kulturen. Einer der beiden Ansätze hat sich – ähnlich typisch – als weitaus weniger effektiv erwiesen.

          Schon als Trumps schockierender Wahlsieg im November 2016 verkündet wurde, reagierten Politiker, Medien und Öffentlichkeit in Deutschland mit einer Mischung aus Moralismus und Hysterie. „Deutschland und Amerika sind durch Werte verbunden: Demokratie, Freiheit, Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung“, erklärte Merkel am Tag nach Trumps Wahl. „Auf der Basis dieser Werte biete ich dem künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, eine enge Zusammenarbeit an“ – ein eingeschränktes und bedingtes Friedensangebot an einen neuen amerikanischen Präsidenten, dessen erratisches Verhalten und aufwieglerische Rhetorik während des Wahlkampfs in der Tat beunruhigende Fragen hinsichtlich seines Engagements für die gemeinsamen Werte des transatlantischen Bündnisses aufgeworfen hatten.

          Auf einer Wahlkampfveranstaltung im folgenden Jahr verkündete Merkel eine noch unverblümtere Botschaft: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei“, sagte sie in einem Bierzelt nach der Teilnahme an einem G7-Gipfel, auf dem sowohl Trump als auch der Brexit eine zentrale Rolle gespielt hatten. „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen. Natürlich in Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika, in Freundschaft mit Großbritannien… Aber wir müssen wissen, wir müssen selber für unsere Zukunft kämpfen, als Europäer, für unser Schicksal.“

          James Kirchick ist amerikanischer Journalist.

          Damit äußerte sich Merkel im Vergleich zu anderen deutschen Politikern noch relativ zurückhaltend. „Trump ist der Vorreiter einer neuen autoritären und chauvinistischen Internationalen“, erklärte ihr damaliger Vizekanzler Sigmar Gabriel am Tag nach Trumps Sieg. Später erweiterte der Sozialdemokrat seine Kritik auch über die Person des Präsidenten hinaus und meinte: „Das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Europa wird auch nach Trumps Amtszeit im Weißen Haus nicht mehr das werden, was es einmal war.“

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