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Besuch in einer Ditib-Moschee : Die Spalter sind für Serkan die deutschen Medien

  • -Aktualisiert am

Erdogan-Fanschal in Köln. Bild: dpa

Zu Besuch in einer Ditib-Moschee in Bielefeld: Die Leute nervt es, dass sie Erdogan ständig verteidigen müssen. Und sie haben einen Schuldigen an der Spaltung ausgemacht.

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          Serkan ist nicht gegen Meinungsfreiheit. Sie muss sich nur im Rahmen halten. Das tut sie gerade nicht, weil Erdogan „zu extrem“ angegriffen wird. Und damit auch Serkan. Er liest in den Zeitungen immer nur: „Erdogan, Erdogan. Diktatur, Diktatur.“ Das würde ins Unterbewusstsein der Leute sickern. Serkan findet das „zum Kotzen“. Die deutschen Medien müssten sich fragen: „Ist das wirklich Meinungsfreiheit, oder welche Absicht steht dahinter?“ Ja, welche Absicht? „Ich bin kein Verschwörungstheoretiker“, sagt Serkan. „Ich weiß es nicht, irgendwelche Nachrichtendienste oder Lobbys.“ Unklar. Klar ist, dass die Pressefreiheit in Deutschland für Serkan nicht existiert: „Schein-Pressefreiheit“, sagt er.

          Wir sitzen in der Cafeteria der Bielefelder Ditib-Moschee, sie heißt Merkez Camii, Zentralmoschee, die größte in Ostwestfalen. Ein türkischstämmiger Unternehmer, der jeden Freitag in der Merkez Camii betet, hatte mir erzählt, wie liberal es hier zugeht: Junge Männer verrichten sogar in kurzen Hosen ihr Freitagsgebet. Radikale müssen draußen bleiben. Hier gibt es keine großen Spannungen wie in Köln oder Frankfurt. Bielefeld ist eben Bielefeld, berühmt für seine Zurückhaltung.

          Alle Moschee-Vorstandsmitglieder machen gerade Urlaub in der Türkei, deswegen bot sich Serkan als Gesprächspartner an, er ist Mitte zwanzig, klein und kräftig, Jugendleiter der Moschee. Die Cafeteria ist im Keller, an der Wand hängen eine Weltkarte und eine Türkei-Karte, am Tresen holt man sich heißen Tee. Wir sind allein, bis ein Mann mit schulterlangen Locken und Brille kommt und sich an den Nebentisch setzt.

          Serkan liest manchmal während der Freitagspredigt die deutsche Übersetzung vor, nachdem der Imam die türkische vorgelesen hat. Der Imam ist ein Beamter aus der Türkei und spricht kaum Deutsch. Serkan druckt sich die Predigt aus, liest sie mehrmals und übt die richtige Betonung: Wir sind für den Friiiieden. Wir sind gegen Gewaaalt. Die Freitagspredigt kommt aus der Ditib-Zentrale in Köln, jeden Freitagmorgen, die Imame müssen sie genau so vorlesen.

          Deutsche Medien als Spalter

          Thema der letzten Woche: Vaterlandsverrat. Die Ditib vertritt ein Drittel aller Moscheen in Deutschland, sie steht in der Kritik, weil sie eng an die türkische Religionsbehörde Diyanet angebunden ist. Zur Gründung der Ditib 1985 kamen ein türkischer Staatsminister und die Diyanet-Führung. Ihre Ziele: Die Landsleute im Ausland in religiösen Themen aufklären, sie vor „ausländischen, schädlichen und trennenden Strömungen“ bewahren und die Verbundenheit mit der türkischen Kultur und dem Islam sichern. Serkan spürt keine Beeinflussung. Die Religionsbehörde entsendet nur den Imam, sagt er, alle drei bis fünf Jahre kommt ein neuer. „Die Ditib-Bielefeld-Moschee ist in Bielefeld und nicht in Ankara.“

          Die Spalter, das sind für Serkan die deutschen Medien. Sie provozierten die Türken, stellten sie als radikal und gefährlich dar und weckten bei den Einheimischen ein „Nationalismusgefühl“. „So empfinde ich das als Deutschtürke, Politikstudent.“ Belege dafür sieht er in den Internetkommentaren unter den Medienberichten: „Die Türken sollen sich verpissen.“ Im Alltag bemerkt er davon zwar noch nichts, aber im Internet werde das immer schlimmer. Zeitung liest er auf Facebook, F.A.Z., „Welt“, „Focus“, was seine Freunde dort teilen. Oft ärgern ihn schon Schlagzeilen, da liest er gar nicht weiter.

          Bei den Deutschtürken sei jetzt das Solidaritätsbewusstsein gestiegen, sagt er, aus Angst um die Türkei. Deswegen müsse in der Türkei alles für die innere Sicherheit getan werden. Ja, auch die Verhaftung von Journalisten. Wenn in Deutschland Journalisten den IS befürworteten, würde der deutsche Staat auch gegen die vorgehen. Das kann man vergleichen, findet er, die Gülen-Bewegung gelte in der Türkei als terroristisch.

          Kann ich mit dem Imam reden?

          Serkan muss sich beziehungsweise Erdogan ständig verteidigen, auch in der Uni. Das nervt ihn. Manchmal klingt auch eine vorsichtige Distanzierung an: Vielleicht war nicht jede Entscheidung Erdogans richtig, es wurden ja wirklich sehr viele Leute verhaftet. Aber er gestattet sich das nur kurz und schwenkt dann gleich wieder zurück. Serkan hat die türkische Staatsbürgerschaft. Er könnte sie gegen die deutsche eintauschen. Macht er aber nicht und nennt Zeit- und Kostengründe. Unbefristeter Aufenthalt in Deutschland reicht. Er darf nicht wählen. Aber das ist das Einzige.

          Ich bekunde mein Interesse am Freitagsgebet. Schwierig, sagt Serkan. Da würden viele sofort denken, Journalisten sollten hier nicht rein. Kann ich mit dem Imam reden? Der ist auch in der Türkei. Ein türkischer Theologiestudent vertritt ihn. Kann ich mit dem reden? Nein, der ist sehr schüchtern.

          Da steht der Mann mit den Locken auf und kommt an unseren Tisch: „Was machen Sie eigentlich hier? Worum geht es? Sie sollten mit dem Vorstand reden.“ Der ist im Urlaub. Darauf der Mann: „Wenn ich in Ihre Redaktion komme, darf ich da bis zum Ende rein?“ Das hängt davon ab, wenn er einen Termin vereinbart hat, dann schon. „Und haben Sie das gemacht?“, fragt er, leise und eindringlich. Ja. Serkan bestätigt es. Er und Serkan streiten sich kurz auf Türkisch. Serkan will ihn wegschicken. Der Mann: „Ich möchte eins klar sagen: Es gibt Radikalisierung im Islam, aber das hat mit uns nichts zu tun.“

          Serkan ist jetzt ganz wissenschaftlich: „Die Reaktion, die Sie hier sehen, habe ich Ihnen vorhin beschrieben: Die Türken assoziieren Journalisten mit etwas Negativem. Man denkt, okay, die sind sowieso gegen den Islam.“ Darauf der Mann: „Journalisten sind für uns eine Menge von Menschen, die immer verfälscht.“ Der Mann geht. „Er fühlt sich ungerecht behandelt“, sagt Serkan. Als ich die Moschee verlasse, höre ich, wie ein Mann einen anderen anschreit. Am Abend kommt der Anruf von Serkan: Ich soll morgen nicht zum Freitagsgebet kommen. Das würde Unruhen erzeugen.

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