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Pro-Erdogan-Demo in Köln : „Wir huldigen nicht Erdogan, wir huldigen der Demokratie“

Bis zu 40.000 Menschen kamen in Köln an diesem Sonntag zusammen. Bild: dpa

Sie fühlen sich missverstanden von deutschen Medien – treuergebene Erdogan-Huldiger wollen viele aber auch nicht sein. Türkische Demonstranten feiern in Köln ein symbolträchtiges Fest. Dabei drohte die Stimmung zeitweise auch zu kippen.

          Am Eingang der Großdemonstration stehen Schüler und Studenten und verteilen Flaggen. In der einen Hand eine in Schwarz-Rot-Gold, in der anderen die zweite in Rot mit weißem Halbmond und Stern. „Die meisten nehmen beide“, sagt einer der Helfer. Es sind nur ein paar Dutzend Fahnen, welche die sechs Jugendlichen an die ersten ankommenden Demonstranten in Köln verteilen – aber um die Masse geht es auch nicht. Die Veranstalter der Pro-Erdogan-Kundgebung legen Wert auf die Symbolik.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Ähnlich symbolträchtig wird später, zu Beginn der Veranstaltung, die deutsche Nationalhymne nach der türkischen gespielt. Während die Zehntausenden bei der türkischen Hymne mitsingen und jubeln, herrscht bei der deutschen eher respektvolles Schweigen. Am Ende klatschen die meisten Demonstranten. Bald darauf will der Moderator das Publikum zu Sprechchören anheizen. Er macht das immer wieder an diesem Nachmittag. Wie im Fußballstadion ruft er zum Beispiel „Recep Tayip“, wartet kurz und das Publikum antwortet laut: „Erdogan.“ So will er es auch mit dem Satz „Wir sind Deutschland“ machen. Er ruft ihn erst, wiederholt „Wir sind“, hält inne, aber es kommt fast nichts. Da ruft er selbst „Wir sind Deutschland“.

          „Ihr haltet uns alle für treuergebene Erdogan-Huldiger“

          Bis zu 40.000 Menschen haben sich am Sonntag im Kölner Stadtteil Deutz versammelt, um gegen den Putsch in der Türkei und für Freiheit und Demokratie zu demonstrieren. Mit einer Schweigeminute für die zivilen Opfer des Putschversuchs sowie der jüngsten Terroranschläge in Frankreich und Deutschland begann die Veranstaltung. Anschließend verlasen die Organisatoren eine Erklärung: „Alle Staaten, Organisationen, Parteien und Politiker der Welt“ wurden aufgefordert, „solidarisch zum türkischen Volk“ und der Regierung in Ankara zu stehen.

          Auch nach dem Beginn der Veranstaltung um 15 Uhr strömen immer neue Besucher heran. Die meisten kommen vom nahe gelegenen Bahnhof oder steigen aus Reisebussen, die aus Frankfurt, Leipzig, Braunschweig oder Berlin kommen. Zwei junge Männer haben sich am Fußweg zu den Eingängen aufgestellt. Sie verkaufen rote Schals, auf die das Gesicht des türkischen Präsidenten gestickt ist. Zehn Euro das Stück – „Freundschaftspreis“, sagen sie. Nach einer halben Stunde sind die zwei großen Kisten ausverkauft.

          Einen der Schals kauft ein junger Mann aus Bochum. Vorsichtig legt er sich die Enden so zurecht, dass das Konterfei des türkischen Präsidenten zwei Mal auf seiner Brust ruht. „Dieser Mann steht dafür, wohin es die Türkei geschafft hat“, sagt er. Man könne das Land nicht mehr rumschubsen, machen, was man mit ihm will. Sein Name ist Bülent, 28, er studiert Germanistik und Sozialwissenschaft. Er kann sich an die Jahre erinnern, in denen die CSU in Deutschland gegen einen Beitritt der Türkei in die Europäische Union polemisierte, als Erdogan noch ein „Bittsteller“ war. Jetzt habe sich das Kräfteverhältnis geändert, die Türkei, sagt er, sei auf Augenhöhe mit Europa. „Erdogan bestimmt darüber, ob in Deutschland das Chaos ausbricht, ob mehr Flüchtlinge kommen“, sagt er. Weil sich die Verhandlungsposition verändert hätte, würden die Deutschen auch anders auf sein Land blicken. Aus seiner Sicht gibt es in Ankara keinen Herrscher, der immer mehr Macht anhäuft, es gibt kein Demokratieproblem. Nein, es handele sich ausschließlich um ein Imageproblem, das die Türkei in Westeuropa habe.

          Wer dafür verantwortlich ist? Ausländische Medien. Sie seien es, die das Geschehen in Istanbul und Ankara verzerrten, sagt Bülent. Wenn Bülent sich über TRT informiere, den türkischen Staatssender, oder aber die Tageszeitung „Hürryet“ lese, entstehe ein vollkommen anderes Bild der Geschehnisse als in deutschen Medien. Deshalb will er anfangs auch seinen Namen nicht verraten – deutschen Journalisten könne man nicht vertrauen. „Euer Bild von uns steht doch schon fest: Ihr haltet uns alle für treuergebene Erdogan-Huldiger“, sagt er.

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