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Beschneidungsdebatte : Unsere seltsame Tradition

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Beschneidung als Kriegsdienst

Doch in der Bibel finde ich noch eine andere Geschichte. Sie handelt von der Beschneidung des Stammes Sichems. Der hatte Jakobs Tochter Dinah entführt und vergewaltigt. Daraufhin überredeten ihre Brüder den reuigen Täter und seinen Stamm, sich beschneiden zu lassen, um Dinah ehelichen zu können. Als die Beschnittenen matt darniederlagen, übten die Söhne Jakobs Rache und erschlugen sie. Die Beschneidung war gar kein religiöser Akt, sie war eine Kriegslist.

Ein beschnittener Penis definiert also ebenso wenig einen Juden wie die Vorhaut die intime Bindung zum jüdischen Gott stört. Der heiligste Augenblick seiner Geschichte widerfuhr dem jüdischen Volk sogar, als es den Brith nicht praktizierte. Gott gab den Juden die zehn Gebote am Berge Sinai just in den vierzig Jahren, in denen das Volk Israel laut Anweisung von oben seine Söhne nicht beschnitt.

Das Judentum erfand Ausnahmeregelungen für Familien, in denen es in der Vergangenheit beim Brith zu Komplikationen gekommen war. Was ist das Schicksal dieser auf Geheiß der Rabbiner unbeschnittenen Jungen? Sie sind vollwertige Juden. Sie können vor jüdischen Gerichten aussagen, aus der Tora vorlesen, Jüdinnen ehelichen und vollwertige neue Juden zeugen - trotz Vorhaut. Nur von einem Akt sind sie ausgeschlossen: Sie dürfen das Passahopfer nicht essen. Das wurde übrigens zum letzten Mal vor 2.000 Jahren dargebracht, als in Jerusalem noch der Tempel stand.

Ästhetische und spirituelle Gründe sind absurd

Manche Befürworter des Brith nennen ästhetische Gründe, ohne Vorhaut sei der Penis schöner. Aber warum soll ich meinen Sohn deshalb beschneiden lassen? Das wäre so absurd wie eine Brustvergrößerung bei einem Mädchen. Andere, wie Rabbiner Ben Jaakov Ben Asher aus dem 13. Jahrhundert, heben die spirituelle Dimension hervor: „Wer sich nicht beschneidet, kommt nicht ins Paradies, auch wenn er die Tora studiert und gute Taten vollbringt“, schrieb er. Aber Wegbeschreibungen in den Himmel machen mich immer skeptisch. Wie oft folgten islamistische Selbstmordattentäter in meiner Nachbarschaft den Weisungen ihrer eigenen „paradiesischen Reiseführer“ - um in einer Rauchwolke zu enden?

Michael Goldberger, ein Züricher Rabbiner, versuchte mich zu überzeugen. Goldberger sagte: Wer seine Vorhaut abtrenne und die empfindsame Eichel offenbare, mache auch sein Herz für die Außenwelt empfänglicher. Wie der Weizen von Spreu getrennt und verarbeitet werden müsse, bevor er zu Brot werde, obliege es dem Menschen, sich selbst zu vervollkommnen.

Der berühmte mittelalterliche Arzt und Gelehrte Moses Maimonides sah das ganz anders. Er schrieb im 12. Jahrhundert im „Führer der Unschlüssigen“ (Teil III, Kap 49), ein Grund für die Beschneidung sei „der Wunsch, den Geschlechtsverkehr auf ein Minimum zu reduzieren und dieses Organ zu schwächen, damit (der Mann) es weniger treibt und sich nach bestem Vermögen zurückhält“. Es gehe nicht darum, den Körper, sondern den Charakter zu vervollkommnen. „Der physische Schaden ist das beabsichtigte Ziel“, schreibt Maimonides. Keine Vorhaut, keine Ausschweifungen.

Von Abraham bis König David

Ein beschnittener christlicher Freund war gar nicht so weit davon entfernt, als er mir von seinen Erfahrungen erzählte. Die Abnahme der Empfindlichkeit verleihe ihm in der Horizontalen größere Standhaftigkeit. Das habe ich schon öfter gehört. Doch das hehre Ziel, eine Frau sexuell zu befriedigen, kann man auch mit Vorhaut erreichen. Soll ich meinen Sohn etwa beschneiden lassen, um ihm weniger, seiner Frau dafür aber umso mehr Spaß am Sex zu bescheren?

Der Inhalt rabbinischer Traktate, und somit die wahre Bedeutung der Beschneidung, ist den wenigsten säkularen Juden bekannt. Dennoch bestehen sie auf diesen Akt, den selbst Überzeugte als „grausam“ und „blutig“ beschreiben. Einer meiner besten Freunde erzählte mir von der immensen Pein, die ihm die Beschneidung seines Sohnes bereitete, und vom gleichzeitigen Stolz, eine mehrere Jahrtausende alte Tradition aufrechtzuerhalten. Von Abraham über König David, Albert Einstein bis zu seinem Sohn - alle waren sie beschnitten.

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