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Beschneidung : Blutiger Schnitt

Wie kleine Prinzen: Beschnittene Jungs gelten fortan als Löwen und sind der ganze Stolz des Vaters Bild: dapd

Jahr für Jahr werden in Deutschland jüdische und muslimische Knaben dem Ritual der Beschneidung unterzogen. Es ist eine weithin akzeptierte religiöse Praxis. Dass es auch ein Akt der Gewalt gegen Kinder ist, wird dabei ausgeblendet.

          Eltern ist es verboten, in der Erziehung ihrer Kinder Gewalt anzuwenden. Das Züchtigungsrecht wurde am 6. Juli 2000 aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch gestrichen und den Kindern in Paragraph 1631 ein „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ zuerkannt: „Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Das klingt gut. Und dennoch gibt es etwas, das als religiöser Brauch ausgeübt wird, sich aber wie eine Form von Gewalt ausnimmt und über das kaum jemand spricht, obwohl Jahr für Jahr in Deutschland Tausende von Knaben davon betroffen sind: die Beschneidung.

          Richard Wagner

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          Holm Putzke klingt freundlich und nicht wie ein Krieger im Kampf der Kulturen. Als solcher wurde der Strafrechtler aber abgestempelt, als er vor zwei Jahren die Frage aufwarf, ob eine medizinisch nicht begründete Beschneidung von Knaben rechtlich zulässig sei. Er hält sie für eine Körperverletzung nach Paragraph 223 des Strafgesetzbuches und sieht in ihr eine „körperliche Misshandlung“, weil wegen des „Substanzverlustes die körperliche Integrität nicht nur unerheblich verletzt wird“.

          Der Düsseldorfer Rabbiner Julian Chaim Soussan beklagte damals, es gerate „nun auch die letzte Bastion jüdischer Selbstdefinition unter Beschuss: die Brit Mila (rituelle Beschneidung)“. Die Ausführungen Putzkes bezeichnete er als „viel (zu häufig) gelesenen Aufsatz“ und schloss mit dem Hinweis: „Was unser Judentum ausmacht, bestimmen wir seit Jahrtausenden selbst. Wir wehren uns gegen vorgebliche Gesetzeshüter, die uns unsere Identität zugunsten der Mehrheitsgesellschaft abspenstig machen wollen!“

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          Als „Identifikationsmittel ausgesprochen wichtig“

          Mit den gleichen Argumenten reagierten Muslime. Die „Islamische Gemeinschaft Milli Görü“ hob hervor, die Beschneidung sei als „Identifikationsmittel ausgesprochen wichtig“. Es könne „stigmatisierend“ sein, in „den die Beschneidung praktizierenden Sozialgemeinschaften nicht beschnitten zu sein“. Milli Görü witterte eine „kampagnenartige Thematisierung“, die versuche, „die Religionsfreiheit der Muslime zu beschränken“. Putzkes Meinung wird wahlweise als „exotische“ oder „extreme“ Einzelmeinung abqualifiziert.

          Bekir Alboga, Beauftragter für den interreligiösen Dialog der türkischen Religionsbehörde Ditib, wirkt erschrocken. Er rufe bald zurück, sagt aber doch noch knapp, er wolle lieber nicht über Beschneidungen reden und „die Flamme nicht entfachen“. Der Rückruf bleibt aus. Bei weiteren Verbandsvertretern ist es nicht anders.

          Religiöse Traditionen wurzeln tief, und jede Kritik an ihnen sieht sich hierzulande sofort dem Vorwurf der Intoleranz ausgesetzt. So werden sie immunisiert. Das gilt selbst für Intellektuelle wie Rauf Ceylan, der an der Universität Osnabrück Religionswissenschaften lehrt. Er hält die kritische Beleuchtung religiöser Traditionen schon für eine Herabwürdigung. Durch ihre Geschichte und die Zahl ihrer Anhänger legitimierten sich Religionen quasi von selbst. Auch wenn sich herausstellte, dass durch die rituelle Beschneidung die Entwicklung der Knaben Schaden nähme, würden Muslime, da ist Ceylan sich sicher, daran festhalten: „Die Beschneidung ist für Muslime so elementar, dass sie nie bereit sein werden, sie aufzugeben.“

          Eine „nachzuahmende Gewohnheit“

          Necla Kelek redet gerne über das Thema. Obwohl, wie die Islamkritikerin sagt, sich ja eigentlich niemand dafür interessiere. Ein Ritual eben, das durch die Zeit zementiert wurde. Aber auch ein Ritual, das der Koran an keiner Stelle erwähnt. Die Beschneidung gehört zur „sunna“, ist also nur eine „nachzuahmende Gewohnheit“.

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