https://www.faz.net/-gpf-y86j

Beschneidung : Blutiger Schnitt

Dabei lohnt es sich, die Ursprünge der amerikanischen Beschneidungspraxis zu betrachten. Die liegen nämlich in einer verknoteten Sexualmoral, zu deren eifrigsten Propagandisten im 19. Jahrhundert der Erfinder der Cornflakes, John Harvey Kellogg, zählte. Für Kellogg war die Beschneidung von Knaben ein Mittel gegen Masturbation. Die Operation sollte ohne Betäubung vorgenommen werden, „weil der kurze Schmerz einen heilsamen Effekt hat“. Und auch Mädchen nahm er nicht aus: „Bei Mädchen ist die Behandlung der Klitoris mit unverdünnter Karbolsäure hervorragend geeignet, die unnatürliche Erregung zu mindern.“ Dass für Kellogg – er war verheiratet, seine Ehe wurde aber angeblich nie vollzogen – ein erfolgreicher Tag mit einem Einlauf begann, überrascht da nicht.

In den Gesellschaften der Wüstenvölker des Nahen Ostens, die unter Wasserknappheit litten, ist es denkbar, dass hygienische Gründe – wie bei anderen Geboten von Islam und Judentum – einst der Hintergrund für die Beschneidung waren. Heute ist das gesundheitliche Argument umstritten. Die Befürworter sagen, durch den Eingriff sinke das Risiko, Harnwegsinfektionen, Peniskrebs und vielerlei Geschlechtskrankheiten zu bekommen. Auch das Risiko des Gebärmutterhalskrebses würde bei denjenigen Frauen sinken, deren Sexualpartner beschnitten seien. Zuletzt hatte die WHO von „schlüssigen Beweisen“ gesprochen, dass beschnittene Männer ein „signifikant niedrigeres Risiko“ haben, sich mit dem HI-Virus anzustecken. Wissenschaftlich abgesichert ist das alles nicht. Und selbst eine im Kindesalter normale Vorhautverengung geht ja meistens von alleine weg.

Ein „gesundes Stück Körper amputieren“

Auch wenn gesundheitliche Vorteile nachweisbar wären: dem emeritierten Bochumer Strafrechtler Rolf Dietrich Herzberg ist das einerlei. Er glaubt nicht, dass Eltern das Recht zukomme, eine so weit reichende Entscheidung für ihr Kind zu treffen. Das Verbot der Körperverletzung, so Herzberg, erlaube nämlich keine Ausnahme: „Das Abschneiden der Vorhaut ist eine Körperverletzung, und Paragraph 223 des Strafgesetzbuches macht es grundsätzlich zur Pflicht eines jeden Staatsbürgers, seinem Mitmenschen keine Körperverletzung zuzufügen.“

Und auch bei der Gesundheitsprävention macht Herzberg klar: Die Eltern dienen nicht dem Wohl des Kindes, wenn sie eine Entscheidung zugunsten Dritter treffen wie im Falle des Gebärmutterhalskrebses und ihrem Sohn deswegen ein „gesundes Stück seines Körpers amputieren“ lassen. Ähnliches gilt für die gesundheitlichen Vorteile des Kindes selbst, die durch Waschen sichergestellt werden könnten – und durch eine spätere Beschneidung, die dann aber der „gereifte junge Mensch in autonomer Entscheidung an sich vornehmen“ lassen könne. Und gilt das nicht auch für die traditionalistisch-religiösen Begründungen? Warum der Zwang?

Verstümmelung von Kindern nicht tolerieren

Dass es sich bei der Beschneidung um eine jahrhundertealte Tradition handelt, erkennt Herzberg zwar an. Es dürfe aber auch nicht aus Sorge um den „religiösen Frieden“ in unserer Gesellschaft dazu führen, dass „die Verstümmelung von Kindern toleriert wird“.

In der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, die Deutschland unterzeichnet hat, heißt es: „Alle Vertragsstaaten treffen alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen.“ In Deutschland dürfte es so bald kein Verbot der religiösen Beschneidung geben. Zu gering ist das Interesse der Politik und zu groß die Furcht der Politiker, dieses Minenfeld zu betreten.

Weitere Themen

Regierung sperrt das Internet Video-Seite öffnen

Proteste in Indonesien : Regierung sperrt das Internet

Separatisten in den Provinzen Westpapua und Papua wollen seit Jahrzehnten die Unabhängigkeit. Wegen gewalttätiger Auseinandersetzungen mit der Polizei schaltete die Regierung das Internet in der Region ab.

Topmeldungen

Fed-Präsident Jerome Powell : Donald Trump und sein Buhmann

Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.
Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche wird Aufsichtsrat bei Aldi Süd. Das liegt auch an seiner Freundschaft zum ehemaligen BASF-Chef Jürgen Hambrecht.

Ehemaliger Daimler-Chef : Zetsche geht zu Aldi Süd

Nach dem Ende seiner Karriere bei Daimler hat Zetsche einen Posten bei Aldi Süd übernommen. Wie die F.A.Z. erfahren hat, ist er schon seit Juni im Beirat des Discounters. Das hängt mit einer Männerfreundschaft zusammen.

Sherpas Hecker und Röller : Das sind Merkels G-7-Helfer

Am Samstag beginnt der G-7-Gipfel in Frankreich. Jan Hecker und Lars-Hendrik Röller haben die meiste Arbeit dann hinter sich: Sie bereiten die Kanzlerin auf das Treffen vor. Doch wer sind Merkels wichtigste Berater?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.