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Beschneidung : Blutiger Schnitt

Beschneidungen muslimischer Knaben werden als großes Familienfest gefeiert. Frau Kelek beschreibt in ihrem Buch „Die verlorenen Söhne“ die Beschneidung ihres Neffen in einem „anatolischen Provinznest“. Sie schildert dessen Angst vor dem Schmerz, und dass es niemanden gibt, der ihm diese Angst nimmt, nicht einmal die eigene Mutter. Wer Angst hat, ist wehleidig und damit „unmännlich“. Sie sagt aber auch, dass die Knaben begeistert seien, wenn sie wie kleine Prinzen verkleidet, bejubelt und mit Geschenken überhäuft würden. „Sie gelten fortan als Löwen und sind der ganze Stolz ihres Vaters.“

Durch die Beschneidung wird der Junge zum Mitglied der „umma“, der Gemeinschaft der Muslime. In den Augen Frau Keleks hat die Beschneidung schlimme Folgen: Sie nimmt den Jungen die Freiheit und zeigt ihnen, dass sie nichts sind ohne die Gemeinschaft. Und in dieser Gemeinschaft stehen sie auf der untersten Stufe, müssen von nun an gehorchen und den Älteren dienen. „Die Beschneidung reproduziert eine autoritäre Gesellschaft, weil durch das Opfer der Vorhaut die Unterwerfung symbolisch wie materiell manifestiert wird.“ Die Herrschaft der Väter stehe im Mittelpunkt.

Ausweis von Glauben und Reinheit

Machokult, Gewaltbereitschaft, Frauenhass: für Frau Kelek alles auch Folgen dieses „archaischen Rituals“. Und die soziale Abgrenzung. „Türkische Jungs und Mädchen werden immer mit Abscheu über eine vorhandene Vorhaut sprechen“, sagt sie. Für sie ist es ein Ausweis des Unglaubens, der Unreinheit. Sie warnt: Kinder, die in Kategorien der Abgrenzung dächten, seien für die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft schwerlich zu gewinnen.

Eine vor kurzem veröffentlichte Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer hat einen „signifikanten Zusammenhang von Religion und Gewaltbereitschaft“ bei muslimischen Männern herausgefunden. Deren Idealbild war: der starke Mann, der zuschlagen kann. Auch der Psychoanalytiker Matthias Franz versucht eine Erklärung. Die Verunsicherung muslimischer Jugendlicher und Männer hänge womöglich auch mit dem „Genitaltrauma“ der Beschneidung zusammen. Das werde bei vielen muslimischen Knaben im 5. oder 6. Lebensjahr gesetzt. Das sei die Phase der „Konsolidierung ihrer sexuellen Identität“. Auf dem Höhepunkt der ödipalen Entwicklungsphase, sagt Franz, werde dieser blutige Schnitt gemacht. Ängste und ein Groll gegen die Mutter seien mögliche Folgen. Vielleicht, sagt er vorsichtig, kämen daher die „Verschleierungstendenzen“ und die Kontrolle der weiblichen Sexualität, vor allem aber der „narzisstische Ehrbegriff mit hoher Kränkbarkeit“. Systematische Forschung gibt es kaum. Für Franz hängt das „am traumatischen und konflikthaften Potential der Thematik“. Eine Studie sei geplant.

Franz macht dann noch einen Unterschied zu der Beschneidung jüdischer Knaben aus. Die würden in der Regel am achten Tag nach der Geburt beschnitten. Das psychotraumatische Potential sei zu diesem Zeitpunkt möglicherweise geringer und habe andere Folgen.

Abschaffung „unter keinen Umständen denkbar“

Der Rabbi ist gut gelaunt. Das bleibt er auch, nachdem das Stichwort rituelle Beschneidung gefallen ist. Ein Termin mit Andrew Steiman ist schnell gefunden. Er freue sich, sagt er. Kurz zuvor hatte eine Mitteilung des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden anderes erwarten lassen. In dem Schreiben Stephan Kramers drückt der Zentralrat seine „große Besorgnis“ aus über „Bestrebungen, die religiöse Beschneidung zu kriminalisieren“. Sie sei eines der wichtigsten Gebote im Judentum, ihre Abschaffung „unter keinen Umständen denkbar“. Auch während des Nationalsozialismus hätten die Juden an diesem Ritual festgehalten. Rabbiner Andrew Steiman sagt dagegen: „Auf den Nationalsozialismus würde ich zur Verteidigung der Beschneidung nicht verweisen. Kramer ist übergetreten.“ Will wohl sagen: er ist vom Übereifer des Konvertiten beseelt.

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