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Berufsbildung : Jeder fünfte Ausbildungsvertrag wird aufgelöst

Im Handwerk wurden 7,5 Prozent weniger Ausbildungsverträge geschlossen Bild:

Der Berufsbildungsbericht 2010 legt gravierende Defizite offen: „Nach wie vor erreicht eine große Zahl junger Menschen weder den Schulabschluss noch eine voll qualifizierende Ausbildung“, heißt es. Alarmierende Defizite zeigen sich vor allem unter Kindern von Einwanderern.

          Rund 15 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren haben keinen Berufsabschluss und jeder fünfte Ausbildungsvertrag (21,5 Prozent) wird vorzeitig wieder gelöst. Das geht aus dem Entwurf des Berufsbildungsberichts 2010 hervor, der Ende März nach Abstimmung mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), den Verbänden und Parteien im Bundeskabinett beschlossen werden soll und der der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          „Nach wie vor erreicht eine große Zahl junger Menschen weder den Schulabschluss noch eine voll qualifizierende Ausbildung“, heißt es in dem Entwurf. Diese Angabe deckt sich mit der großen Gruppe der Risikoschüler in den Pisa-Studien, die auf Grundschulniveau stehenbleiben und deshalb die Ausbildungsreife nicht erlangen. Die Bildungspolitik und die Unternehmen müssten sich dieser Gruppe verstärkt annehmen, heißt es in dem Entwurf, „schon aus Eigeninteresse für die eigene Fachkräftesicherung“.

          Jeder zweite Schulabgänger nicht ausbildungsreif?

          Je länger die Schulentlassung zurückliege, je schlechter das Zeugnis sei und je älter der Bewerber sei, desto schlechter stünden die Chancen auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Zunehmend klagten Unternehmen über Schwierigkeiten, für ihre Ausbildungsplätze geeignete Bewerber zu finden. Bei Betriebsumfragen wurden „mangelndes Leistungsvermögen und unzureichende schulische Qualifikation der Bewerber“ als wichtigste Gründe dafür genannt, dass ein Unternehmen keine geeigneten Bewerber finde.

          Alarmierend ist der geringe Anteil der Jugendlichen mit Einwanderungshintergrund in der Berufsausbildung. Er lag laut Berichtsentwurf bei nur 32,2 Prozent. Bei Jugendlichen ohne Einwanderungshintergrund lag der Anteil hingegen bei 68,2 Prozent. Zwar verlassen 15 Prozent der Jugendlichen mit Einwanderungshintergrund die Schule ohne Abschluss, doch haben auch die erfolgreichen Schulabgänger unter ihnen eine wesentlich geringere Chance, einen Ausbildungsplatz zu erhalten, wenn sie kein Abitur haben. Weil überdurchschnittlich viele Jugendliche ausländischer Herkunft ohne Berufsabschluss bleiben, will die Bundesregierung die Zugangsbarrieren für diese Jugendlichen in Ausbildung und Beruf abbauen.

          Der Anteil der Jugendlichen, die zwischen Schule und Eintritt in die Berufsausbildung zunächst einen ergänzenden Grundbildungskurs (Übergangssystem) besucht, wird in dem Berufsbildungsbericht für das Jahr 2008 mit 47,3 Prozent beziffert. Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, wie eine Nachrichtenagentur meldete, dass jeder zweite Schulabgänger eines Jahrgangs nicht ausbildungsreif sei. Denn die Bewerber um Ausbildungsplätze setzen sich nicht nur aus den Schulabgängern des vorangegangenen Schuljahres zusammen, sondern aus mehreren Vorjahren. Die Anzahl der sogenannten Altbewerber aus den Vorjahren wird oftmals unterschätzt. Allein in den Jahren 1997 bis 2007 ist der Anteil der Altbewerber von 37,6 auf 52,4 Prozent gestiegen. Neben den nicht ausbildungsreifen Jugendlichen in berufsgrundbildenden Maßnahmen gibt es aber auch ausbildungsreife Jugendliche, die dort zusätzliche Qualifizierungsmöglichkeiten nutzen, um ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu verbessern.

          Genügend Ausbildungsplätze vorhanden

          Trotz der Wirtschaftskrise sind laut dem Entwurf genügend Ausbildungsplätze vorhanden. Eher mangelt es an Bewerbern: In Gastronomie und Lebensmittelhandel seien 10 bis 15 Prozent der angebotenen Lehrstellen nicht vergeben, auch bei den Klempnern, den Fleischern und den Gebäudereinigern blieben über acht Prozent der Ausbildungsplätze unbesetzt. Von den Rückgängen bei den Ausbildungsverträgen sind nahezu alle anderen Ausbildungsbereiche betroffen, nur der wenig krisenanfällige öffentliche Dienst konnte im Jahre 2009 einen Anstieg verzeichnen.

          Die deutlichsten Rückgänge bei den Ausbildungsverträgen zeigen sich im Bereich Industrie und Handel (Rückgang um 9,7 Prozent). Auch im Handwerk wurden 7,5 Prozent weniger Ausbildungsverträge geschlossen, was im Bericht auf den demographischen Einbruch in den neuen Ländern zurückgeführt wird. Das Ausbildungsvolumen sank hier auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Bei den freien Berufen gab es nur einen geringen Vertragsrückgang um 2,9 Prozent; in der Landwirtschaft wurden 4,4 Prozent weniger Verträge geschlossen, im hauswirtschaftlichen Bereich 6,4 Prozent weniger. Setze sich der Rückgang bei den Ausbildungsverträgen in den kommenden Jahren demographiebedingt fort, könnte das Wachstum in der regionalen Wirtschaft und im Standort Deutschland langfristig gehemmt werden, heißt es in dem Entwurf. Vom Rückgang der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge waren männliche Jugendliche stärker betroffen als weibliche. Diese Tendenz zeichnete sich schon in den Vorjahren ab.

          Jugendliche könnten „aus dem Bildungssystem herausfallen“

          In den alten Ländern handelt es sich bei den Ausbildungsverträgen weitgehend um betriebliche Ausbildung, weniger als zehn Prozent sind in der außerbetrieblichen Ausbildung geschlossen worden. In den neuen Ländern ist hingegen der Anteil der außerbetrieblichen Ausbildung wesentlich höher. Denn in den alten Ländern kommen Jugendliche, für die kein Ausbildungsplatz gefunden wurde, vor allem in teilqualifizierende Bildungsgänge des Übergangssystems, um sie ausbildungsfähig zu machen. In den neuen Ländern werden ihnen wegen der schlechteren Marktlage vollqualifizierende außerbetriebliche oder schulische Ausbildungsplätze bereitgestellt.

          Bei 96.189 Ausbildungsbewerbern aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit liegen keine Informationen zum Verbleib vor. Nach einer Bewerberbefragung fanden sich etwa 20 Prozent der unbekannt verbliebenen Bewerber in einer vollqualifizierenden Berufsausbildung, doch 27 Prozent in dieser Gruppe waren arbeitslos. Hier bestehe ein hohes Risiko, heißt es in dem Berichtsentwurf, dass diese Jugendlichen geradezu unbemerkt „aus dem Bildungssystem herausfallen“.

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