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Beruf und Familie : Man kann nicht alles haben – Frau auch nicht

Frauen müssen sich entscheiden, was sie wollen. Bild: dpa

Work, Life, Balance? Familie und Beruf – beides ist mehr Erfüllung, als man stemmen kann. Frauen müssen sich entscheiden. Ein Kommentar.

          3 Min.

          „Frauen sind ein Gewinn für jedes Unternehmen.“ Das sagt nicht nur Bundesjustizminister Heiko Maas, der damit die Frauenquote rechtfertigt, das ist Allgemeingut. Eine „so gut ausgebildete Generation von Frauen wie heute“ habe es noch nie gegeben, endlich müsse sich das auch „in den Chefetagen“ widerspiegeln. Das Lob der Frauen, das Banales hervorhebt, offenbart eine typisch paternalistische

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Einstellung. Gezeichnet wird das Bild der bienenfleißigen, topausgebildeten Frauen, denen aber auf ihrem Durchmarsch in die Chefetage Steine in den Weg gelegt werden. Ein Stein: machtgierige Männer. Ein viel größerer: Kinder. So betrachtet, stehen die Frauen nach der beruflichen Bewährung in gestärkter Bluse und mit Baby auf dem Arm in den Karriere-Startlöchern und können nicht loslegen, weil sie einfach nicht wissen, wohin mit dem Kind. Freier Wille, eigene Entscheidung für die Kinder und gegen Karriere? Wo kämen wir denn da hin. Die Frauen in diesem Bild entscheiden nicht selbst, sie werden beherrscht von widrigen Umständen.

          Wie kann man beidem gerecht werden?

          Niemand käme auf die Idee, flächendeckend „noch bessere“ Männer für die Führungsetagen zu fordern. Männer sind ja gut genug. Die Frauen müssen her, als Fachkräfte gesucht, unentbehrlich aber zugleich als Mütter künftiger Rentenzahler. Daran ist nichts zu deuteln. Schwer zu ertragen ist aber, dass nur den Frauen ständig gesagt wird, welchen „Gewinn“ ihr Beruf, ihre Kinder und daher deren Fremdbetreuung vor allem für das große Ganze darstellen. Kann man nicht auch als Frau einfach arbeiten, weil es Freude bereitet, und Kinder haben, weil es noch viel größere Freude bereitet?

          Auf die Spitze getrieben ist dieser Nutzenmaximierungsanspruch in der Analyse „Wie viel Mutter braucht das Kind?“ der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie stellte heraus, dass die Kinder von berufstätigen Müttern in der Regel besser in der Schule sind als die Kinder von nicht arbeitenden Müttern. So interpretiert, nützt die arbeitende Mutter der Wirtschaft gleich zweimal: durch ihre Arbeitskraft und die guten Leistungen ihrer Kinder. Alles richtig gemacht! Als ob es darum ginge. Als ob gute Noten eine Antwort auf die Frage sein könnten, wie viel Mutter ein Kind im Leben braucht. Und als ob die Schule die einzige Sorge von arbeitenden Müttern wäre.

          Die treibt vielmehr die Frage um, wie man beidem, Familie und Beruf, gerecht werden kann. Erfüllend ist das eine wie das andere. Beides zugleich ist oft mehr Erfüllung, als man stemmen kann. Und das ist das zweite Unerträgliche in der Debatte: das Werten und Entwerten, das Schönreden, wenn es um die Frage geht: Wie viel Karriere kann eine Mutter überhaupt machen? Man kann, als Mutter oder Vater, ganz viele Kinder haben und trotzdem eine Fernsehshow moderieren oder ein Ministerium leiten. Vorausgesetzt allerdings, die meiste Zeit kümmern sich andere um die Kinder. Karriere und Kinder finden zur gleichen Tageszeit statt.

          Auch „Job-sharing“-Modelle werden dieses Dilemma kaum lösen, solange an diesen Stellen das Mutti-Etikett klebt, da es vor allem die Frauen sind, die so Karriere machen wollen. Das größte Problem bleibt jedoch selbst bei geteilten Führungspositionen die Unteilbarkeit dessen, was Kinder und Karriere gleichermaßen fordern – viel Zeit. Als Mutter oder Vater muss man sich für das eine, das Großziehen überwiegend selbst zu übernehmen, oder das andere, die klassische Karriere, entscheiden.

          Dahinter steht kein böses System

          Kein Kind hindert demnach die Frauen an einem glücklichen und erfolgreichen Berufsleben, mit und ohne Karriere. Doch bekommen sie von Politik und Wirtschaft gesagt: Ihr müsst die Karriere wollen! Kommt früher aus der Elternzeit! Wir geben euch die Krippen! „Teilzeitfallen“ führen die Frauen demnach nur in die Bedeutungslosigkeit. Dass man sich freiwillig in die „Fallen“ stürzt oder bewusst ganz auf eine Tätigkeit außerhalb der Familie verzichtet, wird kaum akzeptiert – obwohl es die große Mehrheit der Mütter betrifft. Die sind in dieser Lesart wieder nur die Dummen: abgehängt und ausgebremst.

          Aber die Kinder legt nicht der Storch vor die Tür. Was soll also das ewige Gejammer über abgeschnittene Karrieren der Kinder wegen? Es ist jedem unbenommen, Kinder zu haben oder nicht. Wer will einem in dieser an alles rührenden Frage auch etwas raten können? Schon gar nicht die „Empfehlungen“ in Studien wie der erwähnten, die das Gezerre und Gehetze, die Job und Familie auch immer bedeuten, allzu weich zeichnen. Kinder in die Krippe? Kein Problem. Ein glückliches Leben als berufstätige Mutter? Aber ja, solange die Kinder „gut“ betreut werden und der Partner mithilft. Und das tut er, wie zu lesen ist: Mütter erlebten bei „umfangreicherer Berufstätigkeit“ eine „substantielle Unterstützung in den Alltagsaufgaben“. Klar, wenn keine Socken mehr im Schrank sind, muss auch Vati ran.

          Viel Work, viel Life und wenig Balance bedeuten Arbeit und Familie für berufstätige Mütter immer. In der Chefetage kann dagegen das Großziehen der Kinder nur hintangestellt werden. Für oder gegen die Karriere entscheidet sich demnach jede Frau so, wie sie es für richtig hält. Dies gibt ihr kein böses System vor, sondern es fällt schlicht in die Kategorie: Man kann nicht alles haben im Leben.

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