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Bertelsmann-Stiftung : Skepsis gegenüber Migranten lässt nach

  • Aktualisiert am

Annette Widmann-Mauz (CDU), die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, besucht Anfang Juli 2019 im Berliner Bezirk Neukölln eine Kita und unterhält sich mit einem Jungen über das Bundeskanzleramt. Bild: dpa

Der Anteil der Deutschen, die bei der Migration die Belastungsgrenze erreicht sehen, ist in den vergangenen zwei Jahren offenbar gesunken. Das Gros aber bleibt laut einer Umfrage skeptisch.

          In der Bevölkerung ist Skepsis gegenüber Zuwanderung einer Studie zufolge weit verbreitet, hat aber abgenommen. Rund 52 Prozent finden, es gebe zu viel Einwanderung, wie eine am Donnerstag in Gütersloh veröffentlichte repräsentative Befragung von KantarEmnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ergab. Und 49 Prozent meinen, Deutschland könne keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnehmen, da die Belastungsgrenze erreicht sei - 2017 hatten das 54 Prozent gesagt.

          Unverändert 37 Prozent stimmen dagegen der Aussage zu, Deutschland könne und solle mehr Flüchtlinge aufnehmen, weil es humanitär geboten sei. Ostdeutschland blickt skeptischer auf Einwanderung als der Westen.

          Nach den Turbulenzen infolge der hohen Zuwanderung von 2015 sehe eine große Mehrheit auch verstärkt deren Vorteile, etwa für die Wirtschaft, heißt es in der Untersuchung. Negative Einschätzungen seien zwar ausgeprägt, schwächten sich im Vergleich zur vorherigen „Willkommenskultur“-Untersuchung von 2017 aber ab. Weitere Erkenntnis: Je jünger die Menschen und je höher die Bildungsabschlüsse, desto aufgeschlossener stehen sie Migration gegenüber.

          „Die Richtung macht Mut“

          Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Annette Widmann-Mauz (CDU), sieht die Integrationspolitik der Bundesregierung durch die aktuelle Studie bestätigt. „Die Richtung stimmt und macht Mut“, sagte Widmann-Mauz dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Donnerstag). „Einwanderung wird immer stärker als Chance gesehen - vor allem bei jungen Menschen. Das überrascht nicht, denn in der Schule oder am Ausbildungsplatz ist Vielfalt längst Normalität.“

          Die Staatsministerin im Bundeskanzleramt betonte, dass die deutsche Wirtschaft auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen sei. „Deshalb ist es gut, dass viele dieses Potenzial erkennen. Es ist im Interesse der ganzen Gesellschaft, dass sich alle, die hier leben, einbringen“, so Widmann-Mauz. Davon profitierten auch die Sozialsysteme.

          Im Einzelnen zeigt sich bei den kritischen Tönen: 71 Prozent der Befragten glauben, dass Zuwanderung den Sozialstaat zusätzlich belastet - rund 83 Prozent im Osten und 68 Prozent im Westen gaben das an. Gut zwei Drittel befürchten Konflikte zwischen Eingewanderten und Einheimischen. Eine Mehrheit (63 Prozent) meint, dass zu viele Migranten die deutschen Wertvorstellungen nicht übernehmen. Und etwa ebenso viele (64 Prozent) befürchten als Folge von Zuwanderung Probleme an den Schulen und Wohnungsnot in Ballungsräumen (60 Prozent).

          Zugleich stimmen 65 Prozent der Aussage zu, dass Einwanderung positive Effekte auf die Wirtschaft hat - wobei im Westen 67 Prozent dieser Ansicht sind, im Osten nur 55 Prozent. Ebenfalls zwei Drittel der Befragten meinen, Migration mache das Leben interessanter und sei gut gegen die Überalterung der Gesellschaft. Und für 41 Prozent stellt der Zuzug von Ausländern eine Strategie gegen den Fachkräftemangel dar.

          Zwiespältige Haltung

          Die Studienautoren machen eine zwiespältige Haltung aus - mit einem skeptischen wie auch pragmatischen Blick. Aufnahmebereitschaft und Willkommenskultur hätten nach dem starken Zuzug von Flüchtlingen zwar zunächst gelitten. Aktuell stehe die Bevölkerung der Migration aber wieder mehrheitlich positiv gegenüber. „Deutschland hat den Stresstest der Fluchtzuwanderung ab 2015 gut gemeistert und stabilisiert sich als pragmatisches Einwanderungsland“, meinte Stiftungs-Vorstand Jörg Dräger.

          Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping, die mit dem niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius für den SPD-Vorsitz kandidiert, sagte dem RND, dass der Blick auf die Themen Flucht und Asyl maßgeblich von den Ereignissen der Jahre 2015 und 2016 geprägt sei. „Die Ohnmacht und die Überforderung, mit denen der Bund, die Länder und viele Kommunen in dieser Zeit agierten, hat sich bei vielen Menschen als Kontrollverlust eingeprägt“, so Köpping. Am Ende werde Integration nur gelingen, wenn neben den vielen notwendigen Förderungen und richtigen Maßnahmen auch für Vielfalt geworben werde. „Das ist vor allem eine Aufgabe für die Regionen in unserem Land, in dem Migration erstmals sichtbar zur Realität der Menschen wird“, so die SPD-Politikerin.

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