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Berlins SPD in der Krise : Alles Müller, oder was?

  • -Aktualisiert am

Politik ohne Sprüche: Michael Müller Bild: Imago

Berlins Regierender Bürgermeister Müller greift nach dem Parteivorsitz und will Spitzenkandidat der SPD werden. Doch seine Beliebtheitswerte sind wenige Monate vor der Abgeordnetenhauswahl deutlich gesunken.

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          „Das war ja ein Sprung ins pralle Leben!“, sagt Michael Müller anerkennend – und erntet Gelächter und Applaus für seine Reaktion auf die Dame, die sich über Arbeitslose aufregt: „Kann man denen nicht mal in den Allerwertesten treten! Wo gibt’s denn so was?“ Applaus bekommt Müller auch für seine Beobachtung, dass „viele wollen“, weil Arbeit schließlich einen „Platz in der Gesellschaft“ bedeute. Er weist auf die Halbierung der Arbeitslosenquote in den vergangenen Jahren und auf die Einrichtung von Jugendberufsagenturen hin.

          Für das Publikum sind Wahljahre herrlich, es gibt viel Unterhaltung und viele kleine Geschenke. Im Kulturhaus in Karlshorst liegen Papiertäschchen auf jedem der 160 Plätze, mit dem obligatorischen Kuli, einem Block, Broschüren über die „Füreinander“-Tour Müllers – und Schokolinsen, „M&M“: wie Michael Müller, der am Samstag wieder zum Herrn der Müllerstraße, der Geschäftsstelle der Berliner SPD, gewählt werden will.

          Jetzt beginnt für Müller das, was man im Gespräch mit Kindern den „Ernst des Lebens“ nennt, sein erster Wahlkampf als Regierender Bürgermeister von Berlin. Bis vor kurzem musste man ihn als vom Glück verfolgten Politiker sehen, so glatt und harmonisch verlief sein Start, nachdem Klaus Wowereit 2014 eingesehen hatte, dass er die Pannenbaustelle des neuen Flughafens weder zu einem glücklichen Ende führen noch aussitzen konnte. Doch ausgerechnet im Wahljahr scheinen Müllers Flitterwochen mit den Berlinern zu Ende zu gehen.

          Drei Männer strebten damals nach Wowereits Nachfolge. Die Berliner SPD-Basis sollte die Sache per Urabstimmung entscheiden. Sie konnte sich zuvor ein Bild der drei Anwärter machen: Müller, sein Nachfolger im Parteivorsitz, Jan Stöß, und sein Nachfolger im Fraktionsvorsitz, Raed Saleh. Müller gewann den Wettstreit verblüffend eindeutig mit einer annähernden Zweidrittelmehrheit und wurde im Dezember 2014 zum Regierenden Bürgermeister gewählt.

          Niemand vermisste Wowereit

          Danach herrschte eitel Sonnenschein. Müller wurde zum Liebling der Saison. Drei Monate nach seinem Einzug in die Bel Etage des Roten Rathauses ließen seine Popularitätswerte die von Wowereit hinter sich. Monat um Monat stand Müller an der Spitze aller Berliner Politiker. Das Geld strömte in die Kassen der immer noch überschuldeten Stadt, die Einwohnerzahlen wuchsen, die Wirtschaftsleistung auch.

          Müller fühlte sich wohl in seiner neuen Rolle und zeigt sich unerwartet charmant und graziös. Der Neue „aus Tempelhof“, wie er sich selbst bescheiden vorstellte, war offenbar genau der richtige Typus für Berlin. Niemand vermisste den flamboyanten Wowereit oder seine kessen Sprüche. Müllers zurückhaltender, nüchtern-vernünftelnder Stil gefiel den Bürgern offenkundig.

          Das Wachstum der Stadt brachte ungewohnte Vorteile mit sich: Die Steuereinnahmen sprudeln so reichlich, dass sie in einem Gesetz halbiert werden konnten. Die eine Hälfte fließt in die Schuldentilgung – kürzlich erst sank der Schuldenstand unter die 60-Milliarden-Euro-Marke –, die andere in Investitionen in die wachsende Stadt.

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