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Berliner Notizen : Eine SMS um 10.48 Uhr

  • -Aktualisiert am

Pünktlich begann am Dienstag abend die erste Kabinettssitzung Bild: dpa/dpaweb

Der Tag, an dem Deutschland eine Kanzlerin erhielt: Ein Blick auf das Mobiltelefon läßt Angela Merkel durchatmen. Die Nachrichtenagenturen versenden Eilmeldungen: „397 Stimmen für Merkel.“ Die Kanzlerwahl aufgezeichnet von Berlin-Korrespondent Günter Bannas.

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          Vom Osteingang des Reichstagsgebäudes die Treppe rechts hinauf und durch die Glastür - dort liegt das Büro des Bundeskanzlers im Reichstagsgebäude. Es ist zu erkennen, wenn er anwesend ist - Beamte, Personenschützer und Neugierige zeigen es an. Diesen frühen Vormittag sind die Sessel leer.

          Nur ein Bundestagsbediensteter wird gesichtet, wie er gerade die Schilder auswechselt. Aus „Bundeskanzler“ wird „Bundeskanzlerin“. Der Helfer sagt: „Wir heben die Karte mal auf. Der Kollege hat gesagt: Vielleicht wird Franz Müntefering auch mal Kanzler. Dann können wir sie wieder gebrauchen.“ Es ist halb zehn - gut dreißig Minuten vor Eröffnung des Wahlgangs.

          „Gute Jahre“

          Ein launiger Abend und ein Fest der SPD. Schröder spricht von „sieben guten Jahren“ und von wichtigen Entscheidungen. „Das wird bleiben.“ Und: „Wir haben eine Menge bewegen können.“ Und: „Wer regiert, bestimmt der Wähler.“ Er dankt Franz Müntefering: „Ohne Deine Loyalität wäre es schlicht unmöglich gewesen.“

          Kontaktaufnahme aus dem neuen Arbeitszimmer

          Peter Hintze kennt Angela Merkel ziemlich lange. Er war ihr erster Parlamentarischer Staatssekretär - nach der Wahl 1990 im Frauen- und Jugendministerium. Niemandes Neugier und Wißbegier sei so groß wie ihre, sagt er. Im Gespräch sei sie zielstrebig wie Helmut Kohl - nur noch schneller. Sie verzichte darauf, recht behalten zu wollen, wenn sie wisse, sie habe es nicht.

          Auf der Pressetribüne im Bundestag. „Hinsetzen“, rufen die hinten. Die Fotoreporter vorne denken nicht daran. Hinten in der letzten Reihe bei den Grünen sitzen Joseph Fischer und Fritz Kuhn. Der Altmeister spricht mit dem neuen Fraktionsvorsitzenden. Später sagt Claudia Roth, sie sei sicher, daß sich „Joschka langsam wieder einmischen werde.“ „Hinsetzen“, ruft der Saaldiener. Einer sagt: „Aber die vorne stehen doch.“ Der Saaldiener: „Fotografen dürfen das.“ Durch Menschenleiber ist zu sehen: Angela Merkel geht zur Bank des Bundesrates, gibt Matthias Platzeck von der SPD die Hand und redet mit den CDU-Ministerpräsidenten Koch und Wulff. Mindestens von einem der beiden hatte es noch nach der Bundestagswahl geheißen, er wolle Bundeskanzler werden. Jetzt sind die Zeiten vorerst vorbei. Beide wollen treu sein.

          Blitzlicht ist verboten

          Norbert Lammert, der Bundestagspräsident, sagt, Bundespräsident Köhler habe Angela Merkel als Bundeskanzlerin vorgeschlagen, und die Geschäftsordnung des Bundestages besage, die Wahl finde ohne Aussprache und mit verdeckter Stimme statt. Im Eiltempo werden die Namen der 614 Abgeordneten aufgerufen - von Jens Ackermann von der FDP, der zum ersten Mal im Bundestag sitzt, bis zu Brigitte Zypries von der SPD, die auch zum ersten Mal Abgeordnete ist, aber schon drei Jahre Bundesministerin der Justiz war und bleiben wird. Die Aufgerufenen gehen zur geheimen Wahl in die Wahlkabinen. Die Erfahrenen warten nicht so lange. Angela Merkel zieht den Vorhang der Wahlkabine zu. Auf Frau Merkel folgt Petra Merkel von der SPD.. Klicken und Surren der Fotoapparate, als die Kandidatin wieder erscheint. „Hinsetzen“, rufen die Leute, und der Saaldiener sagt, Blitzlicht sei verboten. Gut dreißig Minuten dauert die Prozedur.

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