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Berliner Humboldt-Klinikum : Klinikum unter Quarantäne

Hier kommt niemand mehr rein: Der Eingang des Humboldt-Klinikums am Montag Bild: EPA

Das Vivantes-Humboldt-Klinikum in Berlin bleibt wegen Dutzenden Infektionen mit der britischen Virus-Variante B.1.1.7 geschlossen. Gesundheitssenatorin Kalayci rechnet mit weiteren Fällen.

          3 Min.

          Das Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin ist am Montag schon den dritten Tag in Folge geschlossen. Die Leitung des Krankenhauses hatte zum Wochenende beschlossen, sich in Quarantäne zu begeben. Seitdem werden keine neuen Patienten mehr aufgenommen. Der Grund ist die Ausbreitung des mutierten Coronavirus B.1.1.7.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Mutation ist deutlich ansteckender und möglicherweise auch tödlicher als das ursprüngliche Virus. In der Klinik im Bezirk Reinickendorf sind bis zum Montag 22 Frauen und Männer positiv auf das Virus getestet worden. Es handele sich um zwölf Patienten und zehn Personen des Pflegepersonals, wie der geschäftsführende Direktor des Klinikums, Jürgen Kirschbaum, am Montag mitteilte. Zwei weitere Fälle befinden sich im Vivantes-Klinikum Spandau, einer von ihnen war aus dem Humboldt-Klinikum dorthin verlegt worden.

          Man habe bis zum Mittag 12 Uhr Abstriche von 1300 der rund 1800 Mitarbeiter gemacht, sagte Kirschbaum, dabei seien drei weitere Fälle der Infektion mit B.1.1.7 entdeckt worden. Etwa 500 Abstriche unter Mitarbeitern ständen noch aus. Zudem seien seit dem Wochenende alle 452 Patienten des Krankenhauses getestet worden. Unter ihnen seien weitere drei Fälle der Infektion mit dem neuen Virus identifiziert worden. Insgesamt gebe es derzeit 63 Covid-19-Patienten im Humboldt-Klinikum. Es sei allerdings auch eine Infektion bei einem Angehörigen einer ehemaligen Patientin festgestellt worden sowie auch bei einer Nachbarin eines ehemaligen Patienten, berichtete Patrick Larscheid, der Leiter des Gesundheitsamtes Berlin-Reinickendorf. Dennoch gehe er davon aus, dass sich die Infektionen mit der B.1.1.7-Variante nicht wesentlich über das Humboldt-Klinikum ausgebreitet hätten.

          Allerdings erwartet man, dass man noch weitere Fälle bei Angehörigen und ehemaligen Patienten entdecke. Es gehe nun darum, diese Fälle zu finden, um die weitere Ausbreitung zu verhindern. Wie genau das Ausbruchsgeschehen im Klinikum verlaufen sei, könne man aber noch nicht sagen, sagte Larscheid.

          Der erste Fall mit dem mutierten Virus aus Großbritannien war im Humboldt-Klinikum am 14. Januar festgestellt worden, seitdem hat es sich offenbar rasch ausgebreitet. Zunächst wurde nur die Station für Innere Medizin und Kardiologie geschlossen, wo die meisten Infektionen aufgetreten waren. Zum Wochenende entschloss sich die Klinikverwaltung, das ganze Krankenhaus für zunächst zwei Wochen unter Quarantäne zu stellen. So soll die Ausbreitung der gefährlichen Virus-Variante in Berlin eingedämmt werden. Notfälle werden nun in anderen Berliner Krankenhäusern behandelt.

          Die Ärzte, Pflegekräfte, Verwaltungsangestellten und Techniker sind derzeit angehalten, nur noch zwischen ihrer Wohnung und dem Arbeitsplatz zu pendeln. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben der Klinik angeboten, die sogenannte Pendel-Quarantäne mit Kleinbussen zu unterstützen. Sie sollen als Sammeltaxen das Klinikpersonal zu Hause abholen und nach der Arbeit wieder zurückfahren. Ein Shuttleservice sei eingerichtet worden, hieß es am Montag aus dem Humboldt-Klinikum. Die Mitarbeiter dürften allerdings auch weiterhin öffentliche Verkehrsmittel benutzen, wenn sie eine FFP2-Maske trügen, teilte die Klinik mit. Die Mehrheit der Beschäftigten habe einen sicheren Weg zur Arbeit. Seit Montag gilt in Berlin das Tragen eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes, entweder eine FFP2- oder eine OP-Maske, im öffentlichen Nahverkehr ohnehin als Pflicht.

          Die Infektionen mit B.1.1.7 wurden bei Routinescreenings von Patienten festgestellt, die schon vorher positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Zurzeit wird das Ausbruchsgeschehen weiter untersucht. Hierfür ist auch das Robert-Koch-Institut (RKI) einbezogen. Zudem sollen möglichst schnell alle Beschäftigten in den Berliner Kliniken geimpft werden. Bisher sind allerdings nur 2280 Mitarbeiter der Vivantes-Krankenhäuser geimpft, was 13 Prozent aller Mitarbeiter des Klinikkonzerns in Berlin ausmacht. Als Grund für die relativ geringe Zahl der geimpften Mitarbeiter wird ein Mangel an Impfdosen genannt.

          In Berlin wurde B.1.1.7 zum ersten Mal Mitte Januar bei einem jungen Mann nachgewiesen, der zu Weihnachten aus Großbritannien in die Hauptstadt gereist war. Dort war in Südengland das mutierte Virus im Dezember festgestellt worden, es hatte sich dann auch schnell in London verbreitet und ist heute für einen großen Teil der Neuinfektionen in Großbritannien, aber auch in Irland verantwortlich. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) sagte, man müsse wahrscheinlich von mehr Fällen ausgehen, als sie nun im Humboldt-Klinikum festgestellt wurden. Ob noch weitere Kliniken geschlossen werden müssten, sei aber noch unklar.

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