https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/berliner-flughafen-der-abflug-verzoegert-sich-um-wenige-monate-11745707.html

Berliner Flughafen : Der Abflug verzögert sich um wenige Monate

  • -Aktualisiert am

Berlin am Boden: Der neue Großflughafen bleibt vorerst geschlossen Bild: Polaris/laif

Mit der verschobenen Eröffnung des Berliner Großflughafens erlebt die Hauptstadt eine Blamage. Weil CDU und SPD beide an Entscheidungen zum Flughafen beteiligt waren, stellen vor allem die kleinen Oppositionsparteien die Schuldfrage.

          5 Min.

          Kaum war bekannt, dass der neue Flughafen Willy Brandt doch nicht wie geplant am 3. Juni eröffnet werden kann, bezog Berlin die schlechte Nachricht auf sich und befand sie für typisch Berlin. In den Berliner Zeitungen liest man die Geschichte des neuen Flughafens als eine Kette von Bruchlandungen und Fehlentscheidungen, als eine einzige Blamage für die Stadt, von „Posemuckel“ ist wieder die Rede, der Rücktritt von Klaus Wowereit (SPD) wird gefordert. Die Flughafengegner frohlocken: Sie haben es doch gleich gewusst. Die Brandenburger und Berliner Grünen wissen, wie die Zeit bis zur - verschobenen - Eröffnung am besten zu nutzen sei: Alle Lärmschutz-Versprechen für die Anwohner sollten gefälligst bis dahin eingehalten werden.

          Immerhin, die neue Panne und die Reaktion auf die Verschiebung der Eröffnung zeigt, wie sehr die Berliner den angeblich ungeliebten neuen Flughafen inzwischen als ihre Angelegenheit ansehen. Die in Potsdam erscheinende Tageszeitung „Märkische Allgemeine“ titelte am Mittwoch kühl: „Großflughafen bleibt Großbaustelle“. Im Berliner „Tagesspiegel“ hieß es: „Berlin fällt aus allen Wolken“, in der „Berliner Zeitung“: „In der Warteschleife“ und „Projekt der Bruchpiloten“. Die Boulevardzeitung „B.Z.“ nimmt es dem Regierenden Bürgermeister übel, dass er nach dem Erhalt der schlechten Nachricht seine Termine weiterhin wahrnimmt, und selbst im fernen München wird den Zeitungslesern zur Nachricht auf Schönefeld der Regierende Bürgermeister von Berlin und nicht etwa Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gezeigt. Wowereit, so der Berliner FDP-Bundestagsabgeordnete Martin Lindner, sei es abermals „gelungen, Berlin zu blamieren“.

          Der neue Flughafen, der in Schönefeld im Südosten Berlins nahe dem ehemaligen DDR-Zentralflughafen entsteht, ist, wie Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit (SPD) in den vergangenen Jahren nicht müde wurden zu wiederholen, „das größte Infrastrukturprojekt“ in Deutschlands Nordosten. Die Kosten sollen um die 2,5 Milliarden Euro betragen, der Bund ist zu 26 Prozent, Berlin und Brandenburg zu je 37 Prozent am Flughafen beteiligt. Eine Berolinensie ist das, was in Schönefeld passiert, also keineswegs. Schon einmal wurde die Eröffnung verschoben; ursprünglich sollten alle Flüge von und nach Berlin schon von Oktober 2011 an ausschließlich in Schönefeld starten und landen.

          Was die Plakate versprechen, stimmt schon nicht mehr
          Was die Plakate versprechen, stimmt schon nicht mehr : Bild: dpa

          Die Nachricht, der neue Flughafen werde wegen mangelhafter Brandschutztechnik seinen Betrieb nicht pünktlich aufnehmen können, hat die Stadt Berlin in einen Gemütszustand zurückgeworfen, wie er in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts gang und gäbe war. Damals gehörten das Scheitern, das Unbeliebt-Sein, die unheilbare Untüchtigkeit und der damit einhergehende Selbsthass zum allgemeinen Lebensgefühl: Man war zwar Hauptstadt, aber die Bonner wollten nicht umziehen. Man war zwar glücklich wieder eine Stadt geworden, doch schien es Ost und West fast unmöglich, auf einen Nenner zu kommen. Berlin war damals die Hauptstadt der Deindustrialisierung und der Arbeitslosigkeit. Dass Berlin (damals von einer CDU/SPD-Koalition regiert), Brandenburg (allein von der SPD regiert) und der Bund (damals von CDU/CSU und FDP regiert) 1996 überhaupt die Kraft zu einem „Konsensbeschluss“ fanden, auf dem alle späteren Flughafenentscheidungen fußen, ist auch aus großer Distanz erstaunlich.

          Ein weiteres „Typisch-Berlin“-Desaster

          Und nun erlebt angeblich Berlin die größte Peinlichkeit aller modernen Flughafenbauherrn, da helfen alle Hinweise auf Pannen in London-Heathrow, Wien oder Warschau nichts. Nur die anhaltende S-Bahn-Krise, bei der jedoch selbst unter strapazierten Fahrgästen ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten ist, bietet sich als vergleichbares „Typisch-Berlin“-Desaster an. Erinnert wird man in der Berliner Selbstkasteiungsorgie dieser Tage auch an die Eröffnung des schönen Hauptbahnhofs 2006, den manche im Abschiedsschmerz vom Bahnhof Zoo jedoch am liebsten gar nicht wahrgenommen hätten. Auch dort half eine schlimme Panne den Berlinern, sich mit dem Bauwerk schließlich doch noch zu identifizieren: Ein guter Teil der Glashalle liegt teuer eingelagert, ohne dass Hoffnung besteht, den Schwung der Originalentwürfe jemals ausgeführt zu sehen. Über Wowereits alten Kampfruf, das seit den traurigen neunziger Jahren flott und beliebt gewordene Berlin sei „arm, aber sexy“ höhnen die Berliner Jungen Liberalen, das sei Berlin gestern gewesen. An diesem Donnerstag wird Wowereit vor dem Berliner Abgeordnetenhaus eine Regierungserklärung zum Flughafen abgeben.

          Weitere Themen

          Vorsicht, Kamera!

          Springreiter in Hamburg : Vorsicht, Kamera!

          Die sechste Etappe der Global Champions Tour ist das höchstdotierte und damit auch bedeutendste Springen im Rahmen des traditionellen Derby-Turniers in Hamburg, wenn auch nicht das beliebteste. Ein Deutscher triumphiert.

          Topmeldungen

          Champions-League-Finale : Der Liverpooler Albtraum ist Real

          In der Schlussphase wirft der FC Liverpool nochmal alles nach vorne, doch das Team von Trainer Jürgen Klopp kämpft vergebens. Nach dem Endspiel der Champions League jubelt einzig Real Madrid.
          Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (mit geneigtem Kopf), links neben ihm die Präsidentin des ZdK, Irme Stetter-Karp, und die Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne); rechts neben Steinmeier Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU)

          Kirchentag in Stuttgart : Das Echo aus der Kirche

          Den Katholikentag in Stuttgart dominiert das Thema sexueller Missbrauch. Doch es ist nicht die einzige Ursache der Krise der katholischen Kirche in Deutschland.
          Der Sieger: Ruben Östlund jubelt über seine Goldene Palme

          Goldene Palme in Cannes : Ein Schiffbruch wird belohnt

          Der Schwede Ruben Östlund gewinnt für „Triangle of Sadness“ die Goldene Palme von Cannes. Die übrigen Preise zeigen die Verlegenheit der Jury angesichts des diesjährigen Festivalwettbewerbs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis
          Sprachkurs
          Lernen Sie Englisch
          Kapitalanlage
          Pflegeimmobilien als Kapitalanlage
          Automarkt
          Top-Gebrauchtwagen mit Garantie