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Rückkehr zu Regelunterricht : Wiedersehen auf Berliner Schulhöfen

Eine deutsche Grundschulklasse im Februar 2021 Bild: dpa

Nur in Berlin sollten die Schüler bis zu den Sommerferien im Wechselunterricht bleiben. Doch aus dem Sonderweg wird nichts.

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          Berlin war das einzige Bundesland, das bis zum Beginn der Sommerferien am 21. Juni im Wechselunterricht bleiben wollte. Darüber gab es einen breiten Konsens unter den Lehrerverbänden mit der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie dem Landeselternverband mit Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD). Scheeres hatte den Sonderweg der Hauptstadt damit begründet, dass die Inzidenzen durch den Regelbetrieb in den Schulen nicht wieder in die Höhe getrieben werden sollten, und auf die hohe Infektionsrate unter Kindern und Jugendlichen verwiesen. Die Spitzenkandidatin der SPD für die Abgeordnetenhauswahlen Franziska Giffey widersprach der Schulsenatorin und plädierte für die Rückkehr zum Präsenzbetrieb noch vor den Sommerferien.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Nun hat ein Eilverfahren vor dem Berliner Verwaltungsgericht die Senatorin zum Umlenken gezwungen. Das Gericht hatte den Eilanträgen zweier Grundschüler auf Wiederaufnahme der Präsenzbeschulung im Regelbetrieb stattgegeben. Die Beschränkung des Unterrichts auf das Wechselmodell diene zwar einem legitimen Zweck, der Eindämmung des Infektionsgeschehens. Der Senat habe jedoch nicht hinreichend dargelegt, dass die Beschränkung des Schulunterrichts zum Erreichen dieses Zwecks erforderlich sei. Nun wird Berlin am 9. Juni wieder zum Regelbetrieb zurückkehren und die Schüler wie bisher zweimal pro Woche unter Aufsicht testen und in den Innenräumen bei der Maskenpflicht bleiben.

          Häusliche Gewalt nimmt zu

          Wahlkampf und Pandemie passten eben schlecht zusammen, sagt die Vorsitzende des Interessenverbandes der Berliner Schulleiter (IBS) Astrid-Sabine Busse, die eine Grundschule in Neukölln leitet. Dort ist das Lehrerkollegium inzwischen so routiniert beim Testen, dass Busse auch beim vollen Präsenzbetrieb keine Probleme sieht. Die Kinder sind froh, wenn sie wieder alle zur Schule kommen dürfen. Sie waren einfach zu lang zu Hause.

          Andere Schulleiter berichten, dass die Fälle häuslicher Gewalt zugenommen hätten. Erst in der vergangenen Woche habe das Jugendamt ein Kind aus der Familie nehmen müssen. Hinzu kommt eine Vielzahl gefälschter Tests. Tilmann Kötterheinrich-Wedekind, der Schulleiter des Ernst-Abbe-Gymnasiums in Neukölln und Beisitzer im Vorstand des IBS, berichtet außerdem von einigen gefälschten Tests, die aufgefallen waren und von ihm zur Anzeige gebracht wurden. In allen Fällen wurden erst die Eltern zum Gespräch gebeten, einmal auch angezeigt. In Neukölln liegt die Inzidenz unter den zehn bis 19 Jahre alten Jugendlichen (sechzig bis siebzig) noch immer doppelt so hoch wie in der Restbevölkerung. Das Testen hat sich in den meisten Schulen eingespielt, es wird inzwischen von den Lehrern beaufsichtigt. Pro Woche werden zwei bis drei Schüler in Quarantäne geschickt, von denen sich meist einer als positiv entpuppt.

          Aus Angst vor positiven Tests ziehen viele Eltern aus dem türkischen und arabischen Milieu es vor, ihre Kinder zu Hause zu behalten. Sie können sich noch bis zum Ende des Schuljahrs darauf berufen, dass die Präsenzpflicht in Berlin ausgesetzt ist. Viele sind in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt und befürchten den Verlust ihres Broterwerbs, wenn sie in Quarantäne müssten oder das Kind positiv getestet würde. Andere wohnen so beengt, dass eine strenge Absonderung eines Infizierten vom Rest der Familie schlechterdings unmöglich ist. Ein Schüler kommt nur, wenn eine Klausur ansteht, alles andere läuft weiter digital. Die Fehlquote liegt bei knapp unter zwanzig Prozent.

          Von den Lehrern, die bisher zumeist noch nicht vollständig geimpft sind, haben sich in Neukölln bis zu zehn Prozent infiziert. Einige haben mit Spätfolgen von Covid-19 zu kämpfen. Die Impfbereitschaft unter Erziehern und Lehrern mit Migrationshintergrund ist nicht sonderlich ausgeprägt. Es geistern krude Theorien dazu herum, die von Furcht vor Unfruchtbarkeit bis zu der Behauptung reichen, die Impfung enthalte Schwein und sei deshalb für Muslime unzuträglich.

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