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Bibel-Streit : Der Gott des Gemetzels

Altes Testament: Charlton Heston als Moses in der Verfilmung von 1956 Bild: Picture-Alliance

Ein Theologieprofessor fordert die Abschaffung des Alten Testaments. In seiner Fakultät in Berlin bekriegt sich inzwischen das Kollegium öffentlich. Selbst vor Nazi-Vergleichen wird nicht zurückgeschreckt.

          In einem Lehrbuch zur Kirchengeschichte heißt es über Marcion, er sei „der große Ketzer der Alten Kirche“ gewesen. Grundlage dieses Urteils ist die von Marcion Mitte des zweiten Jahrhunderts vertretene Auffassung, dass man es im Neuen Testament und im Alten Testament (AT) mit zwei verschiedenen Göttern zu tun habe. Radikal trennte Marcion den liebenden Erlösergott des Neuen Testaments vom alttestamentlichen Schöpfergott, den er als kalten Demiurgen beschreibt.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Von dieser Einsicht geleitet, zog Marcion mit der Forderung durch die antike Welt, das AT aus der Kirche zu verbannen. Marcion fand viele Anhänger. Die Marcioniten bildeten eine Großkirche, und es fehlte gar nicht viel und sie hätten sich gegen jene Strömungen durchgesetzt, die am AT sowie der Einheit Gottes festhielten. In Lehrbüchern würde Marcion dann womöglich als bedeutender Kirchenlehrer statt als Erzketzer vorgestellt.

          Wie offen die weitere Entwicklung des Christentums im zweiten Jahrhundert tatsächlich gewesen ist, hat erst die moderne Kirchengeschichte herausgearbeitet. Im Fall Marcions hat sich darum insbesondere der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack verdient gemacht, der von 1888 bis 1924 Ordinarius an der heutigen Humboldt-Universität (HU) war und lange das unbestrittene Glanzstück ihrer theologischen Fakultät. Harnack war nicht nur Kirchenhistoriker, sondern auch Ratgeber von Kaiser und Reichskanzler sowie Gründungspräsident der heutigen Max-Planck-Gesellschaft.

          Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung

          Aus Harnacks berühmtem Buch über Marcion von 1921 dürfte den Theologiestudenten im Laufe ihres Studiums zumindest dieser Satz begegnen: „...das AT im 2. Jahrhundert zu verwerfen, war ein Fehler, den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat; es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal, dem sich die Reformation noch nicht zu entziehen vermochte; es aber seit dem 19. Jahrhundert als kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu conservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung.“

          Präsentiert wird diese Aussage Harnacks den künftigen Pfarrern meist als Beleg dafür, welch kurze geistige Wegstrecke zurückzulegen war, um von einem großbürgerlichen Kulturprotestanten wie Harnack (dessen Sohn 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet wurde) zu den nazistischen Irrlehren der Deutschen Christen zu gelangen, die 1933 auf ihrer berüchtigten Sportpalastkundgebung tatsächlich die Abschaffung des AT beschlossen. Nicht zuletzt aufgrund dieses Vorkommnisses hat die Theologie nach 1945 damit begonnen, ihre Traditionsbestände gründlich auf antijudaistische Denkfiguren zu durchleuchten.

          Die Bemühungen führten sogar dazu, dass christliche Exegeten heute häufig nicht mehr vom „Alten Testament“ sprechen, sondern stattdessen von der „hebräischen Bibel“. Es dürfte in der jüngeren Vergangenheit fast unmöglich gewesen sein, in der evangelischen Theologie und erst recht in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auch nur einen ernstzunehmenden Gesprächspartner ausfindig zu machen, der Harnacks Forderung nach einer Dekanonisierung des AT teilt.

          Altes Testament: Zeugnis einer Stammesreligion

          Doch nun ist genau dieser Fall eingetreten: Ein deutscher Theologieprofessor wagt sich mit dem Vorschlag hervor, dass die Bücher von der Genesis bis zu Maleachi nicht länger als Teil der schriftlichen Offenbarung des Christentums gelten sollen. Und diese Forderung kommt auch nicht aus irgendeinem Institut in einer Kleinstadt, die zwar über eine Universität, aber nicht über einen Autobahnanschluss verfügt. Nein, die Forderung wird erhoben von Notger Slenczka, Inhaber des Dogmatik-Lehrstuhls an der Berliner Humboldt-Universität.

          In einem Aufsatz hat Slenczka seiner Zunft vorgeworfen, Harnacks Auffassungen über das Alte Testament allzu oft bloß verkürzt wiederzugeben. Keineswegs habe Harnack das Alte Testament geringgeschätzt. Er habe lediglich in Zweifel gezogen, dass es „kanonisch“ in dem Sinne sei, dass man aus ihm „das Wesen des Christentums“ erkennen könne. „Das AT insgesamt ist für Harnack Zeugnis einer ethnisch gebundenen Stammesreligion, die in ihren spätesten Zeugen über diese Partikularität hinausgeführt wird; die Universalität des Religiösen ist aber erst in Jesus von Nazareth erfasst und wird im Laufe der Christentumsgeschichte ausgearbeitet“, argumentiert Slenczka.

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