https://www.faz.net/-gpf-82ehv

Bibel-Streit : Der Gott des Gemetzels

Altes Testament: Charlton Heston als Moses in der Verfilmung von 1956 Bild: Picture-Alliance

Ein Theologieprofessor fordert die Abschaffung des Alten Testaments. In seiner Fakultät in Berlin bekriegt sich inzwischen das Kollegium öffentlich. Selbst vor Nazi-Vergleichen wird nicht zurückgeschreckt.

          5 Min.

          In einem Lehrbuch zur Kirchengeschichte heißt es über Marcion, er sei „der große Ketzer der Alten Kirche“ gewesen. Grundlage dieses Urteils ist die von Marcion Mitte des zweiten Jahrhunderts vertretene Auffassung, dass man es im Neuen Testament und im Alten Testament (AT) mit zwei verschiedenen Göttern zu tun habe. Radikal trennte Marcion den liebenden Erlösergott des Neuen Testaments vom alttestamentlichen Schöpfergott, den er als kalten Demiurgen beschreibt.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Von dieser Einsicht geleitet, zog Marcion mit der Forderung durch die antike Welt, das AT aus der Kirche zu verbannen. Marcion fand viele Anhänger. Die Marcioniten bildeten eine Großkirche, und es fehlte gar nicht viel und sie hätten sich gegen jene Strömungen durchgesetzt, die am AT sowie der Einheit Gottes festhielten. In Lehrbüchern würde Marcion dann womöglich als bedeutender Kirchenlehrer statt als Erzketzer vorgestellt.

          Wie offen die weitere Entwicklung des Christentums im zweiten Jahrhundert tatsächlich gewesen ist, hat erst die moderne Kirchengeschichte herausgearbeitet. Im Fall Marcions hat sich darum insbesondere der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack verdient gemacht, der von 1888 bis 1924 Ordinarius an der heutigen Humboldt-Universität (HU) war und lange das unbestrittene Glanzstück ihrer theologischen Fakultät. Harnack war nicht nur Kirchenhistoriker, sondern auch Ratgeber von Kaiser und Reichskanzler sowie Gründungspräsident der heutigen Max-Planck-Gesellschaft.

          Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung

          Aus Harnacks berühmtem Buch über Marcion von 1921 dürfte den Theologiestudenten im Laufe ihres Studiums zumindest dieser Satz begegnen: „...das AT im 2. Jahrhundert zu verwerfen, war ein Fehler, den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat; es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal, dem sich die Reformation noch nicht zu entziehen vermochte; es aber seit dem 19. Jahrhundert als kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu conservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung.“

          Präsentiert wird diese Aussage Harnacks den künftigen Pfarrern meist als Beleg dafür, welch kurze geistige Wegstrecke zurückzulegen war, um von einem großbürgerlichen Kulturprotestanten wie Harnack (dessen Sohn 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet wurde) zu den nazistischen Irrlehren der Deutschen Christen zu gelangen, die 1933 auf ihrer berüchtigten Sportpalastkundgebung tatsächlich die Abschaffung des AT beschlossen. Nicht zuletzt aufgrund dieses Vorkommnisses hat die Theologie nach 1945 damit begonnen, ihre Traditionsbestände gründlich auf antijudaistische Denkfiguren zu durchleuchten.

          Die Bemühungen führten sogar dazu, dass christliche Exegeten heute häufig nicht mehr vom „Alten Testament“ sprechen, sondern stattdessen von der „hebräischen Bibel“. Es dürfte in der jüngeren Vergangenheit fast unmöglich gewesen sein, in der evangelischen Theologie und erst recht in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auch nur einen ernstzunehmenden Gesprächspartner ausfindig zu machen, der Harnacks Forderung nach einer Dekanonisierung des AT teilt.

          Altes Testament: Zeugnis einer Stammesreligion

          Doch nun ist genau dieser Fall eingetreten: Ein deutscher Theologieprofessor wagt sich mit dem Vorschlag hervor, dass die Bücher von der Genesis bis zu Maleachi nicht länger als Teil der schriftlichen Offenbarung des Christentums gelten sollen. Und diese Forderung kommt auch nicht aus irgendeinem Institut in einer Kleinstadt, die zwar über eine Universität, aber nicht über einen Autobahnanschluss verfügt. Nein, die Forderung wird erhoben von Notger Slenczka, Inhaber des Dogmatik-Lehrstuhls an der Berliner Humboldt-Universität.

          In einem Aufsatz hat Slenczka seiner Zunft vorgeworfen, Harnacks Auffassungen über das Alte Testament allzu oft bloß verkürzt wiederzugeben. Keineswegs habe Harnack das Alte Testament geringgeschätzt. Er habe lediglich in Zweifel gezogen, dass es „kanonisch“ in dem Sinne sei, dass man aus ihm „das Wesen des Christentums“ erkennen könne. „Das AT insgesamt ist für Harnack Zeugnis einer ethnisch gebundenen Stammesreligion, die in ihren spätesten Zeugen über diese Partikularität hinausgeführt wird; die Universalität des Religiösen ist aber erst in Jesus von Nazareth erfasst und wird im Laufe der Christentumsgeschichte ausgearbeitet“, argumentiert Slenczka.

          Ein handfester theologischer Skandal

          Vor dem Hintergrund des christlich-jüdischen Dialogs, an dem sich auch Slenczka selbst beteiligt hat, spitzt er seine These für die Zeit nach 1945 dann noch einmal zu: Wenn die christlichen Exegeten heute fast einhellig der traditionellen Deutung widersprächen, das Alte Testament als Verheißung Christi zu interpretieren, dann sei damit nach 1945 ein weiteres Argument für dessen kanonische Geltung entfallen.

          Was ist dann am AT eigentlich noch spezifisch christlich, fragt Slenczka und behauptet: Niemand traue sich an diese Frage, doch sei es im kirchlichen Leben „faktisch so, dass wir den Texten des AT in unserer Frömmigkeitspraxis einen minderen Rang im Vergleich zu den Texten des NT zuerkennen“.

          Vorgetragen hat Slenczka seine Auffassung bereits 2013 bei einer Tagung. In der Folge erntete er reichlich kollegialen Widerspruch, doch die Sache entwickelte sich zunächst nicht zum Politikum. Das hat sich geändert, seit der hessische Pfarrer Friedhelm Pieper in einer Stellungnahme „ein merkwürdiges Schweigen um einen handfesten theologischen Skandal im gegenwärtigen deutschen Protestantismus“ anprangert.

          Pfarrer distanziert sich von Professor

          Pieper, der den etwas umständlichen Titel „Evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ trägt, hält Slenczkas Forderung für eine „Neuauflage des protestantischen Antijudaismus“ und für eine „Kehrtwende in die theologischen Sackgassen des letzten Jahrhunderts“. Und Micha Brumlik, emeritierter Frankfurter Erziehungswissenschaftler jüdischen Glaubens, der Slenczka persönlich schätzt, wertet dessen Aufsatz als Beleg dafür, dass sich in der evangelischen Theologie „ein neuer theologischer Antijudaismus“ breitmache.

          Mittlerweile spitzt sich die Auseinandersetzung Tag für Tag weiter zu. Mitte vergangener Woche distanzierten sich fünf Professoren der Berliner Theologischen Fakultät öffentlich von Slenczka. Seine Thesen zum AT seien „historisch nicht zutreffend und theologisch inakzeptabel“. Man werde „keine Zweifel daran lassen, dass das Alte Testament in gleicher Weise wie das Neue Testament Quelle und Norm der evangelischen Theologie ist und bleiben wird“.

          Offene Feindseligkeit am Lehrstuhl

          Slenczka reagierte darauf nun seinerseits mit einer „Öffentlichen Antwort“ und schob auch gleich noch einen Text mit dem Titel „18 Fragen an die Verächter der wissenschaftlichen Diskussion unter den Berliner Theologen“ hinterher. Insbesondere einen Unterzeichner geht Slenczka dabei hart an: den Altkirchenhistoriker Christoph Markschies.

          Dieser habe ihn in einer Fakultätsratssitzung mit dem nationalsozialistischen Neutestamentler Johannes Hempel in eine Reihe gestellt. Hinzugefügt werden sollte, mit welchem Kollegen Slenczka sich hier öffentlich anlegt: Markschies verfügt über eine Ämterfülle wie einst Harnack: Er war Präsident der Humboldt-Uni, ist Träger des Leibniz-Preises, wirkt als Beiratsvorsitzender in der Thyssen-Stiftung und sitzt in der EKD der Kammer für Theologie vor.

          Auf die Frage eines Studenten, warum Markschies nicht auf Slenczkas Forderung nach einer öffentlichen Disputation über die Kanonizität des AT eingehe, antwortete Markschies: „Über solche Thesen diskutiert man so wenig wie über die These, dass die Erde doch eine flache Scheibe ist.“ Diese Tonlage, auch das sollte hinzugefügt werden, resultiert nicht nur aus dem Streit über das AT. Spätestens seit dem Streit über die Neubesetzung der Ethik-Professur ist die Stimmung an der Berliner Fakultät von offener Feindseligkeit geprägt.

          Renommierter Judaist drohte mit Rücktritt

          Ein Teil der Fakultät wollte den renommierten Heidelberger Ethiker Klaus Tanner berufen, doch Slenczka verhinderte dies mit Hilfe eines schriftlichen Sondervotums. Stattdessen erhielt nun der Erlanger Ethiker Peter Dabrock den Ruf. Ein mit der Lage Vertrauter berichtet, Slenczka habe sich derart ins Abseits manövriert, dass es für ihn in Berlin, obzwar einige Kollegen sich mit ihm solidarisieren, keine Aussicht mehr auf gedeihliche Zusammenarbeit gebe.

          Doch ein von Slenczka angestrebter Wechsel nach Leipzig habe sich bereits wegen seiner Thesen zum AT zerschlagen. Für Slenczka ist die Lage verfahren, und die Stellungnahme seiner Kollegen hat sie nicht eben verbessert. Sie argumentieren, um von der Fakultät Schaden abzuwenden, habe man Slenczka öffentlich widersprechen müssen. Das öffentliche Bekenntnis zum AT sei spätestens dadurch unabdingbar geworden, dass Peter Schäfer, einer der weltweit renommiertesten Judaisten, mit der Niederlegung seiner Gastprofessur an der Fakultät drohte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Delta-Variante wütet in Indien: Menschen in der Stadt Balurghat warten vor einem Krankenhaus auf eine Impfung.

          Sorge vor Delta-Variante : Wettlauf mit dem Virus

          Die Inzidenzwerte fallen deutlich. Doch die gefährliche Delta-Variante des Coronavirus besorgt die Virologen. Deutlich mehr Zweitimpfungen sind notwendig, um eine vierte Corona-Welle abzuflachen.
          46:48

          F.A.Z. Wissen – der Podcast : Ist Covid-19 mit der Grippe vergleichbar?

          Eine „kleine“ Grippe oder „nur“ wie eine Grippe: Wer so über die Corona-Pandemie spricht, verharmlost beides.Tatsächlich ist Covid-19 in vielerlei Hinsicht anders als Influenza – und gefährlicher. Das lässt sich mit neuen Studien gut belegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.