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Kampieren im Tiergarten : Was lockt Obdachlose nach Berlin?

  • -Aktualisiert am

In der Hauptstadt zelten Obdachlose aus Osteuropa neben den S-Bahn Gleisen im Stadtpark Tiergarten schon seit Monaten. Bild: Andreas Pein

In der Hauptstadt kampieren Dutzende Menschen in Parks. Es sind Osteuropäer. Sie sind Schlimmeres gewohnt – das kriegen jedoch auch alle anderen zu spüren.

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          Auf den Zetteln, die der Bürgermeister von Berlin-Mitte im Kummerkasten für Mitarbeiter fand, las er Widerwärtiges: „Sie füllen Flaschen mit ihrem Urin und spritzen ihn auf uns.“ Oder: „Sie greifen Kollegen an.“ Dieselben Leute hätten auch schon Schwäne erschlagen, gebraten und gegessen. Die Beschwerden stammten von Angestellten des Grünflächenamts des Bezirks. „Sie“ sind osteuropäische Obdachlose, die seit Monaten zu Dutzenden im Berliner Tiergarten kampieren.

          Stephan von Dassel, der Grüne Bürgermeister, hatte das anonyme Postfach vor einigen Monaten eingerichtet. Er wollte von seinen Mitarbeitern direkt erfahren, welche Probleme sie haben. Ohne den Umweg über den Dienstweg. Er hatte mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen gerechnet, aber nicht mit einer Kapitulation. Doch er las, dass viele Gärtner nicht mehr im Park arbeiten wollten. „Und das sind Großstadtgewächse“, sagt von Dassel über die Gärtner. „Die mähen den Rasen auch mal um eine nackte Alkoholleiche herum.“ Aber die Situation im Tiergarten hat eine bisher ungekannte Dimension erreicht.

          Auch früher gab es im größten Grün der Hauptstadt immer ein paar Obdachlose. Sie soffen im Gebüsch, schliefen auf Parkbänken. Das war kein großes Problem. Wurden sie von Beamten des Ordnungsamts aufgefordert zu gehen, taten sie das fast immer. Doch die Zeiten sind vorbei. Anfang des Jahrtausends soll es in Berlin ungefähr zweitausend Obdachlose gegeben haben, mittlerweile könnten es fast zehntausend sein. Das schätzt die Bahnhofsmission am Zoologischen Garten. Aber genau weiß das niemand. Im Tiergarten geht es derzeit um mehr als fünfzig „besonders aggressive Personen“ aus Osteuropa.

          Mittlerweile droht der ganze Park zu kippen. Auch die Prostitution hat im Tiergarten neue Ausmaße erreicht. Viele Migranten aus Afghanistan und Pakistan versuchen auf diese Weise, an Geld für Drogen zu kommen. Auf manch kleinem Pfad des riesigen Areals lässt es sich nachts lange durch ein Spalier junger Männer laufen, die Sex anbieten. Im Juni wurde eine Frau auf dem Weg vom gemütlichen Lokal „Schleusenkrug“ zum Bahnhof Zoo erwürgt – die Entfernung beträgt gerade mal 350 Meter. Ihr Handy und ihre Brieftasche wurden geraubt. Gefunden wurde der Tatverdächtige, ein achtzehn Jahre alter Tschetschene, als er kurze Zeit später das Handy der Frau einschaltete. Die Polizei ortete es im Großraum Warschau. Das ist bemerkenswert, denn eigentlich bewegen sich die wilden Kampierer des Tiergartens in die andere Richtung.

          Die Mehrheit kommt seit einigen Jahren aus dem Osten. „Wir hatten hier immer auch Wohnungslose aus Osteuropa“, sagt von Dassel, der ab 2009 Bezirksrat für Soziales in Mitte war und seit vergangenem Herbst Bürgermeister ist. Seitdem die Länder Mitte der 2000er Jahre der EU beitraten, kamen mehr Menschen von dort hierher. Und noch mehr, als die Finanzkrise begann. Aber seit zwei Jahren sind nicht nur die Zahlen gestiegen. Das eigentliche Problem sei eine neue Qualität der Verrohung.

          „Vogelwild“ nennt der Bürgermeister die Verfassung der Parkbewohner. Ein anderes Kaliber. Mit ihnen gebe es gar keine gemeinsame Ebene mehr. Sie hätten jeden Bezug zu Normen verloren, nähmen keine Rücksicht auf ihre Sicherheit oder die anderer, egal ob Alt oder Jung. Sie hätten teils wohl schlicht Härteres durchgemacht als ihre deutschen Kollegen, vermutet von Dassel.

          In Berlin ist das Problem gerade besonders gut sichtbar. Doch auch andere deutsche Großstädte sind betroffen; auch dort kommen Jahr um Jahr mehr EU-Bürger ohne Dach über dem Kopf an. Bloß wird die Situation dort oft souveräner gemanagt. In Münchens Kältequartieren, die von November bis April geöffnet sind, hat sich die Zahl der Obdachlosen in den vergangenen vier Jahren um mehr als achtzig Prozent erhöht. Der Anstieg sei vor allem auf nichtdeutsche EU-Bürger zurückzuführen, heißt es aus der Landeshauptstadt. Gut die Hälfte stammt aus Rumänien und Bulgarien. Auch in den beiden städtischen Hamburger Winterquartieren kamen die Männer und Frauen im vergangenen Winter zu sechzig Prozent aus ost- und südosteuropäischen Staaten – fast alle aus Polen, Rumänien und Bulgarien.

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