https://www.faz.net/-gpf-92s8w

Kampieren im Tiergarten : Was lockt Obdachlose nach Berlin?

  • -Aktualisiert am

Seit 2009 hat sich die Zahl der benötigten Betten für den Winter verfünffacht. Auch in Leipzig wird seit zwei Jahren eine Zunahme wohnungsloser Osteuropäer bemerkt. Köln erfasst die Nationalität in seinen Kälteeinrichtungen zwar nicht, nach Einschätzung des Ordnungsdienstes gibt es aber auch am Rhein immer mehr ausländische Wohnungslose. An den Orten, an denen Obdachlose sich häufig aufhielten, gebe es mit den Ausländern unter ihnen mehr Probleme.

Sie haben kein Geld mehr und schämen sich

In vielen der großen Städte der Republik befassen sich Ämter schon länger speziell mit dem Problem ausländischer Obdachloser. In München gibt es für sie beispielsweise eine Beratungsstelle, ein Beratungscafé mit Informationszentrum und ein Projekt für obdachlose Zuwandererfamilien. Hamburg bietet sechs Beratungseinrichtungen für EU-Ausländer. Die Mühen haben das Ziel, EU-Bürger zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen. Denn dort besteht im Zweifel eher noch eine Chance auf eine Rückkehr ins normale Leben. Die Behörden arbeiten mit Gesprächen und kostenlosen Bustickets. Neukölln verließen in diesem Jahr schon drei Busse mit Osteuropäern. Abschiebungen, wie sie von Dassel kürzlich gefordert hat, sind nämlich keine Lösung.

Denn als Bürger der Europäischen Union genießen Polen, Rumänen und Bulgaren Freizügigkeit. Zwar ist das Aufenthaltsrecht in Deutschland für Unionsbürger an einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz gebunden. Aber auch wer keinen Job hat, darf sich in Deutschland aufhalten, um einen zu suchen. Die Kosten müssen die Ausländer selbst tragen. Ist die Jobsuche erfolglos, verliert man auch sein Aufenthaltsrecht und muss zurückreisen. Einen Anspruch auf Sozialleistungen gibt es nicht, eine Unterbringung auf Kosten der Allgemeinheit ist nicht möglich. Aber wer einmal ausgereist ist, kann sofort wieder einreisen und abermals drei Monate auf Jobsuche gehen.

Dass so viele ausländische Obdachlose in deutschen Städten leben, hat verschiedene Gründe. Eine wichtige Rolle spielt die exzellente wirtschaftliche Lage der Bundesrepublik. Manche kommen noch gar nicht als Obdachlose hier an; sie suchen Arbeit. Wenn sie keine finden, werden sie obdachlos; das erschwert die Rückkehr: Sie haben kein Geld mehr und schämen sich. Die große Zahl finanzkräftiger Touristen hat ihren Anteil, von ihnen erhoffen sich die Osteuropäer milde Gaben. Und entscheidend ist außerdem der verhältnismäßig humane Umgang des Gesetzgebers und der Sicherheitsbehörden mit den Fremden. Ungarn zum Beispiel verbot vor vier Jahren de facto die Obdachlosigkeit. In Deutschland lässt die Polizei Bettler und Alkoholiker, die keinen Ärger machen, größtenteils in Ruhe. Nur wer Wunden zur Schau stellt, Passanten festhält oder mit Kindern bettelt, kriegt hier Probleme. Und doch ist es gerade in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht und in dem man sich nicht auskennt, kaum leichter, obdachlos zu sein als zu Hause. Auch klimatisch nehmen sich München und Bukarest im Winter wenig. Wieso gehen die Osteuropäer also nicht nach Spanien oder Italien, wo sie genauso gut hin könnten?

Was Deutschland von fast allen Nachbarstaaten unterscheidet, ist das Einwegpfand. Viele EU-Staaten erheben Pfand auf Mehrwegflaschen. Deutschland und Österreich aber sind die einzigen zentraleuropäischen EU-Mitglieder, in denen auch auf Dosen- und Einwegflaschen relevante Pfandbeträge entrichtet werden müssen. Das ist ein großer Unterschied für Obdachlose. Denn indem sie Leergut in der Stadt einsammeln, können sie ohne Sprach- und Ortskenntnisse, ohne Ausbildung oder besondere Fertigkeiten ganzjährig ein unabhängiges Einkommen erzielen.

Weitere Themen

Berliner Park macht abends dicht

Nach Party-Eskalation : Berliner Park macht abends dicht

Dem Bürgermeister von Berlin-Mitte reicht es jetzt: Nach etlichen Fällen eskalierender Gewalt im James-Simon-Park ist der Besuch künftig nach 20 Uhr untersagt. Wer dann noch unterwegs ist, muss mit einem Bußgeld rechnen.

Topmeldungen

Der Name sagt schon alles: Das Containerschiff „Kyoto Express“ der Reederei Hapag-Lloyd wird auf dem Container Terminal Altenwerder in Hamburg umgeschlagen.

Wirtschaftspolitik : Gefahr für die Globalisierung

Heute wirkt die Globalisierung erstmals seit Jahrzehnten ernsthaft bedroht. Gleichzeitig wird der wirtschaftliche Wandel zahlreiche ordentlich bezahlte Jobs kosten. Es wäre gut, wenn die Politik die Folgen nicht erst entdeckt, wenn es zu spät ist.
Der Impfschutz kann nach einigen Monaten nachlassen.

Auffrischungsimpfungen : So wollen die Länder den Corona-Booster zünden

Weil unklar ist, wie lange sich Geimpfte vor Corona in Sicherheit wiegen können, gibt es bald die dritte Spritze. Impfteams schwärmen wieder aus, die Arztpraxen übernehmen den Rest – doch wie genau soll die dritte Impf-Welle anrollen?

Olympiasieger Wellbrock : Herr des Stillen Ozeans

Im Pazifik dominiert Florian Wellbrock wie einst das Dream Team auf dem Parkett, wie der FC Bayern die Bundesliga. Als Olympiasieger und Nachfolger von Michael Groß entsteigt er dem größten Freibad der Welt.

Waldbrände in der Türkei : Erdogan kennt die Schuldigen

Die Türkei, sagt Staatspräsident Erdogan, kämpfe gegen die schlimmsten Waldbrände ihrer Geschichte. Kritik an seiner Regierung weist er zurück – und greift an.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.