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Berlin : Mit Pikkolöchen oder Currywurst

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Waltraud Ziervogel gehört Berlins legendäre Currywurstbude Konnopke Bild: F.A.Z./Christian Thiel

An die Teilung Berlins erinnern sich an der Spree nur noch die Alten. Und gibt's neben dem Osten und Westen nicht auch noch die Stadt der Migranten und der Zugezogenen? Eine Reportage von Oliver Hoischen.

          Auch Waltraud Ziervogel will am Tag der Deutschen Einheit einmal nicht um halb sechs Uhr in der Früh in ihrer Bude stehen müssen, so, wie sie es sonst immer tut: erst aufstehen mitten in der Nacht in Hohenschönhausen, ganz weit draußen, wo sie nett im Grünen wohnt, dann reinfahren nach Prenzlauer Berg, wo es ein bisschen weniger grün ist, dafür aber immer brummt, wo direkt vor ihren Augen die Kastanienallee im spitzen Winkel auf die Schönhauser trifft, die Trams in den Schienen jaulen und obendrüber, genau über ihrem Kopf, die U-Bahn der Linie 2 nonstop zwischen Pankow im Osten und Ruhleben im Westen hin- und herdonnert.

          Dabei könnte sie sicher wieder ein prima Geschäft machen: Ein Bus mit 45 Personen ist telefonisch avisiert worden - Touristen, wie immer an den Wochenenden, erst gestern war eine Gruppe Japaner da. Aber Waltraud Ziervogel will nicht: „Der Feiertag ist uns heilig“, sagt sie und lächelt entschuldigend, in der einen Hand die Zigarette, in der anderen den Becher Kaffee.

          „Die Leute standen bis hinten an die Säule“

          Dabei ist ihre Currywurst eine der besten der Stadt und zudem noch weltberühmt. Max Konnopke, ihr Vater, ein richtiger Wurstmaxe, hat den Laden 1930 gegründet. Inzwischen ist ihr Sohn, Mario, für die geheime Herstellung der Soße zuständig, Waltraud Ziervogel, 71 Jahre alt, gibt aber den Takt vor. Sie ist das, was man ein Berliner Original nennt - und hervorragend geeignet, um über die Einheit der Stadt Auskunft zu geben, heute, siebzehn Jahre danach.

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          Man muss ihr nur zuhören, wie sie von ihrer Welt erzählt und wie die sich gewandelt hat, vom Leben im Osten damals, als alle Arbeit gehabt hätten und es noch richtig familiär zugegangen sei, als sich die Männer schon vor Dienstantritt ihr erstes Bier am Kiosk holten: „Das traut sich doch heute keiner mehr“, sagt sie schmunzelnd. Extra eine Bahn früher seien die Männer damals gekommen, um sich mit den Kollegen zu treffen, eine Brühe zu trinken, eine „Curry“ zu essen - Waltraud Ziervogel sagt „Curry“, nicht „Currywurst“. Schon damals, zu Ostzeiten, hatte sie 14 Mitarbeiter, jede Schicht fuhr sie mit sieben Mann und - sie macht eine lässige Handbewegung - „die Leute standen bis hinten an die Säule“.

          Ost- von Westkundschaft unterscheiden

          Das tun sie noch immer: Als Erste kommen die Handwerker von den Baustellen, danach viele Mütter mit Kinderwagen, mittags die Touristen, dann die jungen, sogenannten kreativen Leute mit ihren Ray-Ban-Brillen, Carharrt-Jacken und weißen Lacoste-Turnschuhen, die als Berlin-Mitte-Boys besungen wurden und sich inzwischen manchmal selber auf die Nerven gehen. Waltraud Ziervogel behauptet, sie könne Ostkundschaft noch immer von Westkundschaft unterscheiden: „Das sieht man einem Menschen doch an, ob der das ganze Leben gearbeitet hat oder frisch und ausgeruht ist“, sagt sie und meint damit auch sich selbst.

          Sie erzählt von den schick renovierten Altbauwohnungen, den Cafés, Designläden und Frisören in ihrer Nachbarschaft - doch anzufangen weiß sie mit alldem nichts so recht. „Es hat sich ganz schön entwickelt hier“, sagt sie nur. Kürzlich war sie in der Kopenhagener Straße, gleich um die Ecke, und fast hätte sie das Haus, in dem sie geboren wurde, nicht mehr wiedererkannt: da waren jetzt sogar Balkone dran!

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