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Umstrittene Stele in Berlin : „Der Konflikt mit dem ZPS ist jetzt unvermeidbar“

  • -Aktualisiert am

Auch der Deckel soll weg: Eliyah Havemann bei dem Versuch, die umstrittene Säule des ZPS in Berlin zu entfernen. Bild: dpa

Trotz heftiger Kritik steht die umstrittene Säule des „Zentrums für politische Schönheit“ noch immer. Aktivisten wollten den Abbau nun selbst in die Hand nehmen – das entfachte den Konflikt von Neuem.

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          Gegner der Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“ (ZPS) haben am Sonntagmittag versucht, die umstrittene Stele vor dem Reichstag zu entfernen. Diese soll Asche und Knochenreste ermordeter Shoah-Opfer enthalten haben. Etwa 20 Personen, die unter dem Namen „Aktionskünstler-Komitee“ (AKK) auftreten, hatten versucht, die Säule zunächst mit Flex-Säge und Hammer zu demontieren. Unter dem Hashtag „akkvorschlaghammer“ dokumentierte die Gruppe den versuchten Abbau mit Bildern und Videos auf Twitter.

          Unterstützt wurde die Gruppe von weiteren Personen, die unter anderem eine Israelflagge und ein Transparent hochhielten mit der Aufschrift: „Wer Leid konsumierbar macht, ist Teil des Problems.“ Die Säule wackelte bereits, als die Polizei etwa 40 Minuten nach Beginn eintraf und die Aktion beendete. „Die Polizei traf kurz vor Vollendung ein“, sagt Eliyah Havemann, inoffizielles Sprachrohr des Komitees, gegenüber der F.A.Z. „Es fehlten nur noch wenige Zentimeter.“

          Konflikt ist jetzt „unvermeidbar“

          Wie ein Polizeisprecher später in Berlin mitteilte, liege eine Anzeige gegen die Aktivisten wegen Sachbeschädigung vor. Sie soll mutmaßlich aus dem Umfeld des ZPS stammen. Die Personalien der unmittelbar beteiligten Personen des versuchten Abbaus wurden aufgenommen, die Säule müsse zudem wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden.

          Von wem die Anzeige aufgegeben wurde, hätten die Polizisten vor Ort nicht sagen wollen, sagte Havemann. Dass sie vom ZPS stammen soll, habe er erst später erfahren. Zunächst wurde den Aktivisten nach dem versuchten Abbau ein Platzverweis erteilt. Zudem wurden die verwendeten Werkzeuge beschlagnahmt.

          Die Künstlergruppe ZPS hatte die Stele Anfang Dezember 2019 aufgestellt, um nach eigenen Angaben gegen die AfD und Rechtsextremismus zu protestieren. Unter anderem die Bundesregierung und der Zentralrat der Juden hatten die Aktion kritisiert und dem ZPS vorgeworfen, damit den Holocaust instrumentalisiert und gegen jüdisches Religionsrecht der Totenruhe verstoßen zu haben.

          Wie das AKK mitteilte, teile man zwar die Absicht des ZPS, die Bundesregierung vor einer Zusammenarbeit mit der AfD zu warnen, zeigte sich allerdings erschrocken darüber, wie versucht wurde, „mit den Überresten von Auschwitzopfern Politik und/oder Kunst“ zu machen. Das Komitee fühle sich „dem Gedenken an die Shoah als ein singuläres Verbrechen in der Menschheitsgeschichte verpflichtet“. Deshalb sei der Holocaust nicht geeignet, „um ihn für tagespolitische Forderungen, Warnungen oder Vergleiche zu nutzen, die das Verbrechen der Shoah letztlich trivialisieren“, heißt es in der Mitteilung des AKK weiter.

          Grundsätzlich hätte man sich mit der Aktion nicht explizit gegen das ZPS stellen wollen, sagt Havemann. „Sondern vielmehr gegen ihre Aktion, die ihren Inhalt komplett verfehlt hat.“ Mit der nun vorliegenden Anzeige sei der „Konflikt nun aber unvermeidlich“. „Entweder wird das vor Gericht ausgetragen oder das ZPS lässt die Anzeige fallen“, sagt Havemann der F.A.Z.

          Kurz nach dem Errichten der Säule im Dezember hatte sich das ZPS für die Aktion entschuldigt. „Wir möchten insbesondere auch die jüdischen Institutionen, Verbände oder Einzelpersonen um Entschuldigung bitten, die durch unsere Arbeit die Totenruhe nach jüdischem Religionsrecht gestört oder angetastet sehen“, hieß es damals in der Mitteilung der Gruppe.

          Man wisse allerdings nicht, was nun mit den vermeintlich enthaltenen Überresten passieren solle. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) hatte der Künstlergruppe ihre Hilfe angeboten, um die Überreste der ermordeten Juden nach jüdischem Gesetz rechtmäßig zu bestatten. Der F.A.Z. bestätigte ORD-Vorstandsmitglied Avichai Apel, mit der Gruppe in Kontakt zu stehen. Das ZPS verhüllte das Sichtfenster der Säule und gab an, die Asche an die Orthodoxe Rabbinerkonferenz übergeben zu haben, die sie demnach auf einem jüdischen Friedhof beisetzte.

          Telefonat mit ZPS-Gründer Philipp Ruch

          Auch während des versuchten Abbaus am Sonntag hatte Eliyah Havemann versucht, mit Philipp Ruch, dem Gründer des „Zentrums für politische Schönheit“, Kontakt aufzunehmen. „Ich habe ihn angerufen, um ihm mitzuteilen, dass wir jetzt ihre Säule entfernen“, berichtet Havemann von dem Telefonat. „Er wusste sofort, wer ich bin, obwohl wir vorher noch nie in Kontakt standen“. Konstruktiv sei das Gespräch aus seiner Perspektive allerdings nicht verlaufen. „Er sagte, er wäre gerade unterwegs und wir müssten mal ‚die Tage‘ darüber reden.“

          Zu diesem Zeitpunkt hätte die Stele allerdings schon längst abgebaut sein sollen: Am 10. Dezember setzte der Stadtrat Berlin-Mitte dem ZPS eine Frist bis zum 20. Dezember 2019, wonach die Säule bis zu diesem Zeitpunkt abgebaut werden sollte. Die Künstlergruppe legte dagegen Widerspruch ein. Passiert ist seitdem nichts.

          Das „Aktionskünstler-Komitee“ teilte zuvor auf Twitter mit, das Rohr nach erfolgtem Abbau an einen „geheimen Ort“ bringen zu wollen, wo es sicher verwahrt und von Historikern untersucht werden sollte. Eine weitere Aktion, die Säule auf eigene Faust zu entfernen, werde es aber wahrscheinlich nicht geben, so Havemann. „Die Säule ist zu diesem Zeitpunkt so sehr beschädigt, dass sie allein aus Sicherheitsgründen abgebaut werden müsste.“ Das solle das „Zentrum für politische Schönheit“ aber bitte selbst machen.

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