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Bergbau im Saarland : Letzte Ausfahrt Wahlschied

Streitthema: Der Kohleabbau im Saarland polarisiert Bild: ddp

Vor einem Jahr wurde im Saarland nach einem verheerenden Grubenbeben das endgültige Ende des Bergbaus beschlossen. Die Bergleute hadern seither mit ihrem Schicksal, ihre Gegner hingegen mit den Rissen in ihren Häusern.

          7 Min.

          Volker Braun weiß sofort, dass es dieses Mal schlimmer ist als sonst. Im Radio bringen sie Sondersendungen, im Fernsehen flimmern die immer gleichen Bilder von der St.-Blasius-Kirche in Saarwellingen, wo ein Teil des tonnenschweren Giebels auf den Vorplatz gestürzt ist, von wütenden Protesten der Bergbaugegner, von geschockten Politikern, die schnelles Handeln versprechen. Der Kohlebergbau hat die Erde schon oft erzittern lassen hier im Saarland, Hunderte Male allein 2007. Aber dieses Beben in der Primsmulde mit einer Stärke von 4,0 auf der Richterskala und einer maximalen Schwinggeschwindigkeit von 93,5 Millimetern pro Sekunde, so etwas gab es bisher noch nie. „Das war's mit uns“, sagt Bergmann Braun zu seinen Kumpeln, „jetzt geht's hier nicht mehr weiter.“ Schon lange ist der saarländische Ministerpräsident Peter Müller wegen der bergbaubedingten Beben politisch unter Druck, obwohl das Bergwerk Saar gute Erträge abwirft und das profitabelste der Ruhrkohle AG (RAG) ist, wie in Herne immer wieder versichert wird.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Doch jetzt muss Müller handeln. Noch bevor er am Nachmittag verkündet, dass es einen Bergbau unter „Gefahr für Leib und Leben“ mit ihm nicht geben und der RAG bis auf weiteres die Abbaugenehmigung in der Primsmulde entzogen werde, weiß Volker Braun: Dieser 23. Februar 2008 wird alles ändern. Das ist das Ende der Kohle im Saarland.

          Doch ein Leben ohne Bergbau kann sich hier noch immer niemand vorstellen, auch Volker Braun nicht, der jetzt in einem Hinterzimmer der Verwaltung in Ensdorf sitzt. Er ist Bergmann, seit er 14 ist. Wie er so dasitzt, mit seinem breiten Kreuz und den mächtigen, tätowierten Oberarmen, kommt es einem in den Sinn: So einen erschüttert nichts. Und doch hat das Beben vom 23. Februar 2008 auch ihn an der Substanz gepackt, wie alle hier. „Die Stimmung nach dem Beben“, sagt Braun heute, „war unvorstellbar. Es ging um unsere nackte Existenz.“ Und dann beginnt er zu erzählen, von den ersten Tagen danach, als niemand wusste, wie es weitergeht, von den Betriebsversammlungen in der Saarbrücker Messe, wo die Chefs 5000 Menschen beruhigen wollten und doch selbst nicht wussten, was kommt. Vom Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden und unnütz zu sein, wie aus der Zeit gefallen. Und von der Schadenfreude. „Viele draußen“, erinnert sich Braun, „waren doch erleichtert und froh, dass das mit dem Bergbau endlich aufhört.“ Wie oft waren seine beiden Kinder von der Schule nach Hause gekommen und hatten gefragt: „Papa, warum machst du die Häuser der anderen Leute kaputt?“ So etwas zehrt. „Wir wurden doch gehasst.“ Als irgendwann sein Bruder, der selbst Bergmann war, ausgerechnet dem Landesverband der Bergbaubetroffenen beitritt, weil auch sein Haus Risse im Fundament hat, versteht Braun die Welt nicht mehr. Sogar das kann die Kohle: ganze Familien spalten.

          Vor dem Aus: die Belegschaft des Bergwerks Saar

          „Wer nimmt einen denn schon?“

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