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Wohnprojekt für Roma in Berlin : „Sie sind alle Europäer“

  • Aktualisiert am

Harzer Straße: Im Innenhof Bild: Foto Corbis

Im Berliner Stadtteil Neukölln wurden Wohnungen für Roma saniert. Aus einem Slum wurde ein Vorzeigeprojekt. Der Begründer will nun in Rumänien für Wandel sorgen – mit einem „Musterdorf“.

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          Wenn Berlin sich mit Zuwanderern schwertut, treten Sie oft auf den Plan. Warum?

          Vielleicht haben die Berliner festgestellt, dass die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft keine Scheu hat, Zuwanderern Wohnungen zu geben. Die ersten Wohnungen, die wir 1949 gebaut haben, waren für Flüchtlinge; das Thema hat bei uns Tradition.

          Bekannt wurden Sie durch die Harzer Straße in Neukölln, wo aus einem Slum Wohnungen für Roma wurden.

          Ich habe dort kein Roma-Projekt gemacht, sondern wir haben eine Wohnanlage so wiederhergestellt, dass Familien darin menschenwürdig leben können. Die Roma-Familien waren schon da, als wir die Häuser gekauft haben. Die Öffentlichkeit hat daraus ein Roma-Projekt gemacht.

          Dennoch: Mit Ihnen und den Roma und Sinti hat es eine Bewandtnis.

          Ich habe diese Scheu nicht, die andere vor ihnen haben. Arnold Fortuin, nach dem die Häuser in der Harzer Straße benannt sind, war Pfarrer in der Gemeinde in Illingen, in der ich aufgewachsen bin, und von ihm haben wir gelernt, dass Sinti ganz normale Menschen sind.

          Dreck schreibt man oft nicht den Slumlords zu, sondern den Bewohnern.

          Kurz nachdem wir die Häuser gekauft hatten, stand ich im Hof und hatte mir gerade eine Zigarette angezündet, da ging der Mann von der Reinigungsfirma ins Treppenhaus. Und als ich sie halb aufgeraucht hatte, war er mit den fünf Etagen fertig. Die Müllabfuhr hielt es auch so. Sie kam, stellte eine Fehlbefüllung der Tonnen fest und ließ sie stehen. Aber dann standen unsere Hausmeister neben den Tonnen, damit der Müll entsorgt wurde.

          Revolutionär klingt das nicht. Wieso sind Sie so wendig, während städtische Gesellschaften kaum auf akute Lagen reagieren?

          Die Aachener hat 2005 in Berlin angefangen; „Berlinerisches Denken“ kannten wir nicht. Hier glauben alle zu wissen, wer in welchem Wohnquartier zu leben hat und welche Standards dort gelten. Da können Berliner noch lernen.

          Was denn?

          Eine Wohnungsgesellschaft saniert gerade Wohnungen für Roma, betreut von einem Verein, der Erfahrungen in der Harzer Straße hat. Als ich die Wohnungen sah, habe ich gestaunt. Bei uns hätte in so einem Zustand die Sanierung angefangen. Dort hieß es: Die haben ja auch so gewohnt. Das ist aber gar nicht die Frage. Sie sollten vielmehr so viel gelten wie jeder andere.

          Sie sanieren Wohnungen auf demselben Niveau. Was nehmen Sie für Mieten?

          Manche zahlen vier Euro pro Quadratmeter, andere, deren Wohnungen Balkone haben und Stuck, auch neun Euro. Die Matratzenlager in der Harzer Straße haben wir aufgelöst, so dass Wohnungen frei wurden. Ich wollte dort kein Getto. Für eine sanierte Dreizimmerwohnung etwa haben wir über hundert Bewerbungen bekommen, von Leuten, die mit Bedacht dort hinziehen wollten.

          Benjamin Marx

          Die Harzer Straße hat einen Preis bekommen. Wie nutzen Sie den?

          2013 gab es den Julius-Berger-Preis für Integration und Entwicklung. Der ist mit 10.000 Euro dotiert. Das Geld haben wir benutzt, um mit jungen Leuten nach Fantanele zu fahren. Das ist das Dorf 35 km nordwestlich von Bukarest, aus dem die meisten Bewohner der Harzer Straße herkommen. Europa ist keine Einbahnstraße. Ich war schon 2012 dort, weil ich wissen wollte, warum die Menschen dort weggehen. Zwischen Frankreich und Deutschland gab es nach dem Krieg die großen Jugendwerke, die kann man zum Vorbild nehmen. Wir haben in Fantanele ein Haus gemietet, in dem wir kaputte Fahrräder repariert haben. Dort soll eine Bildungsstätte für alle entstehen, in der man auch wohnen kann. Wir haben ein Fest gefeiert, die Europa-Fahne gehisst, die jungen Leute waren begeistert. Dabei war auch Staatssekretär Cezar Radu Soare vom Innenministerium, der das Ganze fördern will. Fantanele ist das ideale Feriendorf. Die Welt ist in Ordnung dort, es gibt Seen, schöne Häuser, Pferde: Damit könnte man auch Geld verdienen.

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