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CDU-Kommentar : Mit Merz, ohne Merz

Ehemaliger Fraktionschef, frisch unterlegener Parteivorsitzkandidat – künftiger Bundesminister? Friedrich Merz am 8. Dezember in Berlin Bild: dpa

Bieten Angela Merkel und die neue CDU-Parteivorsitzende dem knapp unterlegenen Konkurrenten einen Kabinettsposten an oder nicht? Kramp-Karrenbauer steckt in einem Dilemma.

          In der CDU bestätigt sich jetzt die Regel, dass Kampfkandidaturen um die Führung einer Partei zwar den Vorteil haben, demokratische Vorzeigeprojekte zu sein, aber den Nachteil, Gräben aufzureißen, die nur schwer wieder zu überbrücken sind. Je knapper das Ergebnis, desto schwieriger wird es. Annegret Kramp-Karrenbauer konnte sich in Hamburg mit einem solchen knappen Ergebnis sicherlich auch deshalb durchsetzen, weil ihr die Fähigkeit zugeschrieben wird, die Partei mit Erfahrung zusammenzuhalten. Friedrich Merz dagegen eilte der Ruf voraus, stärker zu polarisieren – das war für viele gerade der Grund, ihn zu wählen. Nach der Wahl verstärken sich die Effekte. Kramp-Karrenbauer muss die Wahl als versteckten Wunsch nach Kontinuität nehmen, was das Vorurteil bestätigen dürfte, sie sei die Fortsetzung Angela Merkels mit anderen Mitteln. Umgekehrt halten es die Merz-Anhänger gerade deshalb für umso wichtiger, auf eine Kurskorrektur zu pochen. Wie kommt die CDU da wieder heraus?

          Wertvoll für die CDU ist Merz aufgrund eines Phänomens, das Kramp-Karrenbauer nicht bieten kann. Merz dient als Projektionsfläche ganz unterschiedlicher, ja widersprüchlicher Erwartungen. Zwei Beispiele: Er wirkt „konservativ“, ist aber ein liberaler Reformer; er spricht deutsche Leitkulturelle an, ist aber ein ungeduldiger Verfechter europäischer Integration und Multilateralist wie Merkel. Die AfD hätte im Falle seiner Wahl genügend Angriffsfläche gehabt, fürchtete ihn aber trotzdem weit mehr als Kramp-Karrenbauer. Dasselbe gilt für die Grünen: Merz hätte ihnen die Tour vermasselt. Denn er vermittelt nicht den Eindruck wie Merkel oder Kramp-Karrenbauer, dass, wer sie gut findet, auch gleich das Original, eben die Grünen wählen kann.

          Das Merz-Phänomen gehörte früher zum Wesen der CDU. Helmut Kohl nutzte es blind. Seine Kabinettslisten reichten von Süssmuth bis Stoltenberg. Davon war in der Zeit Merkels nichts mehr zu spüren. Die Zwänge (und Ausreden) großer Koalitionen waren das eine, Angst vor Konkurrenz tat das übrige. Die muss auch jetzt wieder aufsteigen. Denn Merz einen Kabinettsposten anzubieten, leistete dem Verdacht Vorschub, er könne nach der Kanzlerkandidatur greifen – sein Berliner Podium wäre weit größer als das der neuen Parteivorsitzenden. Auf ihn zu verzichten birgt das Risiko, in dem Maß steckenzubleiben, das Kramp-Karrenbauer vorgibt. Vorerst ist es im Guten wie im Schlechten das Merkel-Maß. Aber das kann sich ja noch ändern.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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