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Beihilfe zum Suizid in Europa : Schöne neue Sterbehilfewelt

Wie wollen wir sterben? Und dürfen wir sterben, wenn wir unheilbar krank sind? Bild: dpa

Die Argumente für die Sterbehilfe gleichen jenen für die Abtreibung: Wieder geht es um Selbstbestimmung, um Grauzonen, die abgeschafft gehörten, und um die Suche nach Hilfe im Ausland. Traurige Einzelschicksale liefern die emotionale Begleitmusik. 

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          Die Völker Europas seien entschlossen, auf der Grundlage gemeinsamer Werte eine friedliche Zukunft zu teilen, heißt es in der Präambel der Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Schön wär’s. Denn nicht erst die sieben Jahre seit deren Unterzeichnung haben gezeigt, dass die Beschwörung der unteilbaren und universellen Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität nicht nur kaum dazu beiträgt, gesellschaftliche Konflikte zu lösen, sondern sie heraufzubeschwören.

          Auf wenigen Gebieten ist dieses europäische Dilemma so greifbar wie auf dem Feld der Biopolitik, also der staatlichen Schutzgarantie des Rechts auf Leben, sei es an seinem Anfang, sei es an seinem Ende. Wenn es längst einen Konsens gibt, dann nur den, dass das Selbstbestimmungsrecht der Frau im Kollisionsfall über dem Lebensrecht des Ungeborenen steht. Ganz und gar uneins sind sich die Völker Europas in ihrer Haltung gegenüber den vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt eröffneten Möglichkeiten, das Leben auf künstlichem Weg weiterzugeben.

          Unterschiedlichste Regelungen in Europa

          Nicht nur dieser Befund ist eine Einladung zum Grübeln über die Frage, was das vielbeschworene „geistig-religiöse und sittliche Erbe“ der Union wert ist – wenn es dieses Erbe je gegeben haben sollte. Das „sittliche“ Argument etwa, dass Rechtspflichten („Du sollst nicht töten“) nicht auf dem Altar von Tugendpflichten („Du sollst helfen“) geopfert werden dürfen, steht in der Tradition kantianisch-kontinentaler Vernunftethik. Im angelsächsischen Raum mit seiner starken utilitaristisch-pragmatischen Tradition ist diese Denkform bis heute nicht maßgeblich. Nicht besser steht es um das geistig-religiöse Erbe Europas, das in Deutschland gerne unter dem Begriff „christliches Menschenbild“ firmiert.

          Wie wenig dieses Erbe formal als Letztbegründungsinstanz taugt und inhaltlich normative Geltung beanspruchen kann, lässt sich anhand der Kontroversen über die sogenannte Sterbehilfe studieren. In den Niederlanden ist die Tötung auf Verlangen längst zu einem Rechtsanspruch geworden. In Belgien dürfen inzwischen selbst Minderjährige „selbstbestimmt“ aus dem Leben scheiden. In anderen Ländern wie Österreich dagegen steht selbst die Beihilfe zu einem freiverantwortlichen Suizid unter Strafe, in Deutschland ist diese – wie der Suizid selbst – nicht strafbewehrt. Dabei wird es nicht bleiben.

          Ein Recht, Sterbehilfe zu leisten?

          Im Westen Europas scheint sich ein neuer Konsens herauszubilden: In Frankreich hat Präsident Hollande versprochen, den ärztlich assistierten Suizid zu legalisieren. In Großbritannien hat dieses Thema das Oberhaus erreicht. Deutschland kämpft noch mit der historischen Last dessen, was in anderen Ländern ganz unbefangen „Euthanasie“ genannt wird. So könnte es wohl zu einem Verbot kommerzieller wie auch nur organisierter Beihilfe zur Selbsttötung kommen.

          Auch das wäre Wasser auf die Mühlen manch selbsternannter Menschenrechtsorganisation, Vertretern der Ärzteschaft und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die aus dem subjektiven Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende ein objektives Recht gegenüber Dritten ableiten. Sie sehen den Gesetzgeber in der Pflicht, Ärzten aktive Sterbehilfe zu erlauben.

          Wir müssen uns der Debatte stellen

          Die Argumente, die für eine Ermöglichung des ärztlich assistierten Suizids angeführt werden, ähneln spiegelbildlich jenen, die hierzulande in den achtziger und neunziger Jahren zugunsten der Straffreiheit der Abtreibung angeführt wurden: Wieder geht es um Selbstbestimmung, wieder um die Abschaffung von Grauzonen, wieder um die Suche nach Hilfe im Ausland. Illustriert werden die Argumente durch tragische Einzelschicksale, in denen sich kollektive Ängste idealtypisch verdichten: die Furcht vor einer inhumanen Apparatemedizin als der Schattenseite des Fortschritts, die Zunahme von Demenzerkrankungen und Pflegebedürftigkeit als Kehrseite der Alterung der Gesellschaft, die Aporien eines Gesellschaftsvertrags, nach dem eine Generation für gleich zwei sorgen muss.

          Sich dieser epochalen Veränderung des Diskursrahmens zu verweigern hieße den Kopf in den Sand stecken; sich von kollektiven Ängsten und aporetischen Einzelschicksalen treiben zu lassen käme einem Scheitern angesichts des ethischen Imperativs gleich, Maß und Mitte zu wahren. Euthanasie in Staaten zu legalisieren, in deren Gesundheitssystem Palliativmedizin ein Fremdwort ist, erscheint geradezu als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

          Dieses Szenario droht in Deutschland nicht. Aber auf dem Gebiet der Palliativmedizin und -pflege in Deutschland klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine beschämend große Lücke. Sie fällt nicht zuletzt auf die Kirchen zurück, vor allem auf die katholische. Bischöfe und Caritas sind schnell dabei, wenn irgendetwas „nicht geht“. Dennoch, es kommt einer Manipulation der öffentlichen Debatte gleich, wenn der Giftbecher in der Schweiz offensiv als Erlösungstrunk gepriesen wird. Denn das Recht ist nicht bei den wenigen, die von eigener oder fremder Hand sterben wollen. Es ist bei den vielen, die an der Hand anderer Menschen ihr Leben beenden möchten. Politik und Gesellschaft müssen alles in ihrer Macht Stehende tun, damit dieser letzte Wunsch in Erfüllung gehen kann.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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